Meinung : Der doppelte Missbrauch

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Eine junge Frau war acht Jahre in der Gewalt eines Entführers. Sie hat das Martyrium überlebt. In einer Fernsehsendung machte sie einen angesichts des durchgemachten Leides erstaunlich gefestigten Eindruck. Seitdem wird sie von sogenannten Enthüllungen über die Jahre der Geiselhaft gepeinigt. Sie war mit dem Verbrecher Eis essen, lesen wir. Im Auto wurde sie mit ihm gesehen. Sie war sogar Skilaufen in seiner Begleitung. Was sollen diese „Sensationen“ suggerieren? Dass alles nicht so schlimm war? Dass sie schon viel früher hätte flüchten können? Dass es da noch ein großes Geheimnis gibt? Natascha Kampusch, die das alles erlebte und nun zu erklären versucht, ist heute 18 Jahre alt. Ein anderes Mädchen, es heißt Stephanie, war als 14-Jährige fünf Wochen in der Gewalt eines Mannes. Auch sie berichtet von Spaziergängen, bei denen sie in grenzenloser Furcht nicht gewagt habe, Fremde um Hilfe zu bitten. Sind wir inzwischen charakterlich und menschlich so deformiert, dass wir uns in solche Momente der Panik und Existenzangst nicht mehr hineinfühlen wollen oder können? Dann brauchen nicht diese beiden Mädchen, dann brauchen Medien und Öffentlichkeit dringend psychologische Betreuung. apz

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