Meinung : Der dunkle Bruder

Der RAF-Mörder Christian Klar kommt frei: Nun muss sich auch der Staat der Aufarbeitung stellen. Ein Schlussstrich ist die Entlassung Klars nicht.

Gerd Nowakowski

Gnade war es nicht, was Christian Klar jetzt die Freiheit brachte, aber Recht. Das - und nur das - durfte er von der deutschen Justiz erwarten. Klar saß 26 Jahre in Haft, wegen der Schwere seiner Taten. Das ist angemessen lange, aber nicht länger, als jeder normale Mörder und Schwerkriminelle sitzen würde. Jedem Anflug einer Sonderbestrafung hat die Justiz widerstanden; das ist Ausdruck eines selbstbewussten demokratischen Staates.

Eine Gefahr stellt der wegen mehrfachen Mordes verurteilte Klar längst nicht mehr dar. Seinen vielfach gewährten Freigang hat er nicht genutzt, um sich wie die Ex-Terroristin Inge Viett zur Ikone der radikalen Linken zu stilisieren und den bewaffneten Kampf zu verherrlichen, sondern zur Vorbereitung auf ein neues Leben nach der Haft. Das könnte ihn übrigens nach Berlin führen, als Kulissenschieber im Berliner Ensemble.

Abgeschlossen ist das finstere Kapitel RAF damit noch längst nicht. Welches Erregungspotenzial die brutalen RAF-Morde in der Öffentlichkeit noch haben, zeigte sich, als Bundespräsident Horst Köhler im Mai 2007 eine vorzeitige Begnadigung Klars erwog. Jenseits jener teilweise unerträglichen Versuche aus CDU und CSU, den Bundespräsidenten politisch unter Druck zu setzen - tatsächlich konnte Köhler nicht anders, als eine Begnadigung abzulehnen. Schließlich hat Christian Klar, der an fast allen Taten der zweiten RAF-Generation beteiligt war, nie das gezeigt, was eine Begnadigung voraussetzt: Reue. Er hat allerdings aktiv dazu beigetragen, dass sich die RAF 1998 auflöste.

Die Familie wurde bei vielen Fragen allein gelassen

Ob Klar dazu bereit ist, an der Bewältigung der seelischen Verletzungen der Opferangehörigen mitzuwirken, wird sich zeigen. Die Kontroverse um die Ermordung von Generalbundes anwalt Buback zeigt, dass dessen Familie bei vielen Fragen allein gelassen wurde. Nicht nur die RAF-Mitglieder, auch die Bundesrepublik, deren Staatsorgane unter dem Eindruck der mörderischen RAF-Kampagne im Ausnahmezustand waren und bei der Fahndung zeitweise an den Grenzen der Rechtstaatlichkeit operierten, muss sich der Aufarbeitung stellen. Wer Buback erschoss, ist ebenso ungeklärt wie die Frage, was das Bundeskriminalamt über Täter und Hintergründe der Tat wusste und nie offenbarte.

Schuldbeladenes Schweigen hat die Debatte nicht nur von dieser Seite begleitet. Der revolutionäre Terror ist Trauma der 68er-Generation, der dunkle Bruder einer Vision des sozialen und demokratischen Aufbruchs aus der schuldbeladenen deutschen Vergangenheit, die in mörderischer Gewalt endete. Für Gespräche, die auch eine Aussöhnung nicht ausschließen, kämpfte vor allem die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer; mit geringem Erfolg. Nicht dass dies überholt ist. Es muss nur daran erinnert werden, dass die Taten der letzten RAF-Generation - die Morde an Treuhand-Chef Rohwedder und Deutsche-Bank-Vorstand Herrhausen allesamt unaufgeklärt sind. Klars Entlassung folgt nur geltendem Recht - ein Schlussstrich ist das längst nicht.

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