Meinung : Der Elefantenflüsterer

Guido Westerwelle hat zwei Sätze gesagt, die seine Pirouetten zu verstehen helfen

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Es war einmal ein Mann, der hatte einen Elefanten. Eines Tages kam Besuch. „Wenn ich dem Elefanten ins Ohr flüstere, setzt er sich hin“, prahlte der Mann. „Wenn du das schaffst, gebe ich dir 200 Euro“, entgegnete der Besucher. „Okay“, sagte der Mann, nahm einen schweren Holzknüppel, schlug dem Elefanten damit auf den Kopf, flüsterte ihm ins Ohr – und der Elefant setzte sich. „Du hast geschummelt“, rief der Besucher. „Nein“, sagte der Mann, „ich musste bloß erst die Aufmerksamkeit des Elefanten erringen.“

In der Rolle dieses Mannes sieht sich Guido Westerwelle: Man muss die Keule schwingen, um die träge Masse aufzuwecken. Nun ist Westerwelle im Hauptberuf aber nicht Keulenschwinger, sondern Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, ihr oberster Diplomat. Wie verträgt sich das? Als Antwort darauf sollte man zwei Sätze lesen, die Westerwelle gerade im Interview mit der „Bild am Sonntag“ sagte. Es sind Schlüsselsätze: „Ich will mir nicht ein paar schöne Jahre im Auswärtigen Amt machen und die Welt kennenlernen. Ich will, dass dieses Land sich ändert, einen neuen Aufbruch erlebt.“

Der zweite Satz fügt sich ein in die allgemeine Wahrnehmung des Sozialstaatsrebellen. Der erste dagegen verrät viel über das Bild, das sich Westerwelle von seiner neuen Funktion macht. Der Außenminister als Weltenbummler, immer unterwegs, aber keiner weiß, warum? Nukleare Abrüstung, Iran, Nahost, internationaler Terrorismus, transatlantische Beziehungen – all das fällt unter „ein paar schöne Jahre machen“? Hans-Dietrich Genscher und Joschka Fischer hätten nie so geredet. Und trotzdem ist die Analyse nicht ganz falsch. Das Amt hat in der Tat an Bedeutung verloren.

Als Helmut Kohl an die Macht kam, war Genscher bereits ein außenpolitisches Schwergewicht, der Vize musste dem Kanzler die Welt erklären. Deutschland bildete ein Zentrum der Blockkonfrontation, das europäische Einigungswerk roch noch nach Aufbruch, die Überwindung der Teilung verlangte höchstes Geschick. Genscher kannte jeden, er zog die Strippen, allein schon durch seine Erfahrung kam keiner an ihm vorbei.

Joschka Fischer wiederum wuchs im Amt. Er zeigte Interesse, las und lernte. Gerhard Schröder war das recht. Für den SPD-Kanzler war Außen- und Sicherheitspolitik vor allem ein Mittel der Innenpolitik. Fischer konnte ziemlich frei agieren. Dadurch erwarb er sich ein Ansehen, das Rot-Grün auch im Inneren diente. Fischer bewirkte die Zustimmung seiner Partei zum völkerrechtlich nicht sanktionierten Kosovokrieg. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 fiel ihm dann endgültig die Rolle zu, seine Partei zu domestizieren. Schließlich trug er die Pazifisten sogar bis zum Hindukusch.

Westerwelle sind solche Karrieren verbaut. Mit Angela Merkel sitzt ihm eine außenpolitisch versierte Kanzlerin vor, die alle wichtigen Termine selbst wahrnimmt. Das Vertreten deutscher Interessen im Ausland ist eine ihrer seltenen Leidenschaften. Denn auf G-8- und EU-Gipfeln holt sie die Punkte, die ihr daheim fehlen.

Auswärtiges Amt und Profilierung: Vielleicht passt das nicht mehr zusammen. Und vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum Westerwelle nach 100 Tagen lieber mit dem Knüppel auf Elefantenköpfe haut, als die Welt zu erkunden. Ein paar schöne Jahre? Die hat er wirklich nie für sich gewollt.

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