Meinung : Der Eltern Recht, des Staates Pflicht

Von Gerd Nowakowski

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Geschlagen, vernachlässigt, misshandelt – so viele Kinder leiden. Allein in Berlin gab es drei Fälle in den vergangenen Tagen. Den Rabeneltern die Kinder wegnehmen!, das denken viele. Und so wird es auch gemacht: Die Kinder, die in Berlin aus vermüllten Wohnungen gerettet wurden, werden Pflegefamilien bekommen, die sich liebevoller um sie kümmern. So etwas kann aber beim grundgesetzlich geschützten Recht der Eltern auf Erziehung erst geschehen, wenn es zu spät ist, wenn das Kind buchstäblich schon im Dreck liegt. Nicht früher. Das Unheil aber, da sind sich Experten einig, kündigt sich in den meisten Fällen weit früher an.

Gewalt und Vernachlässigung nehmen zu. Das ist nicht nur eine Wahrnehmung, das ist real. Die Zahl wächst, weil Nachbarn und Bekannte genauer hinschauen und reagieren, wenn in der Wohnung nebenan ständig weinende Kinder zu hören sind. Das ist gut so. Die Zahl der Fälle nimmt aber auch zu, weil wir eben trotz aller Dementis eine Unterschicht haben, in der sich aus Verarmung und Perspektivlosigkeit im Hartz-IV-Kosmos eine Alles-egal-Mentalität entwickelt. Diesen Familien ist auch mit staatlichen Angeboten nicht beizukommen. Gesundheitsuntersuchungen oder kostenfreie Kitabetreuung – an diesen Eltern geht alles vorbei.

Nicht, dass das Netz an Hilfsangeboten zu lose geknüpft wäre. Wenn vernachlässigte oder misshandelte Kinder entdeckt werden, kommt der bürokratische Apparat zuverlässig in Bewegung. Doch die Koordination ist mangelhaft, Hinweise versanden oft in den Amtsstuben. Berlin will das ändern: Im bundesweit einmaligen Netzwerk Kinderschutz sollen alle Beteiligten – von den Hebammen bis zur Polizei, von den Sozialämtern bis zur Schule – am selben Tisch sitzen. Damit man handeln kann, bevor es zu spät ist. Das Problem: Weil sich die Bezirksverwaltungen nicht einigen können, liegt das Konzept seit Monaten auf Eis.

Diskutiert wird in Deutschland, auf welchen Wegen man Eltern zur Kooperation mit den Ämtern zwingen kann. Die Zahlung von staatlichen Hilfen an das Wohlverhalten zu koppeln, stößt schnell an verfassungsrechtliche Grenzen. In skandinavischen Ländern macht man es anders. Dort werden Familien und werdende Mütter, die zur Risikogruppe gehören, schon vor der Geburt eines Kindes durch Paten begleitet. Durch den engen Kontakt wird Vertrauen aufgebaut, können gezielte Hilfsangebote gemacht und Verwahrlosung verhindert werden. In Deutschland gibt es ein solches Modell nicht. Deswegen nehmen wir den Eltern die Kinder weg – wenn es zu spät ist.

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