Meinung : Der Enthemmte

Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit begrüßt die Lederszene – und auch die Gewalt?

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Berlin ist eine tolerante und weltoffene Metropole.“ Das sagt er oft, der Regierende Bürgermeister. Und er hat Recht. Mehr noch, Klaus Wowereit verkörpert diese Toleranz. Schließlich wurde er mit einem Bekenntnis zu seiner Homosexualität ins Amt gewählt. Er ist Ausdruck eines sehr weit verbreiteten Konsenses, dass Schwulsein nicht pervers ist, sondern eine Variante von Normalität. Selbst die meisten Katholiken dieser Stadt können die Auffassung des Vatikans, Homosexualität sei Sünde, nicht nachvollziehen. So weit, so gut, so Berlin.

„Berlin ist eine tolerante und weltoffene Metropole.“ Das schreibt Wowereit auch in seinem Grußwort für die „Folsom Europe“Messe. Das ist eine Ausstellung plus Straßenfest für Sadomaso. Auf dem Titel des Messeprogramms sieht man einen Mann, der mit schweren Ketten an ein Männerpissoir gefesselt ist. Er trägt eine Gasmaske, Militärstiefel und einen Leder-Tanga. Privat mögen die Beteiligten das als freiwilliges Spiel ansehen. Öffentlich propagiert lässt sich so etwas von Gewaltverherrlichung nicht unterscheiden. Es ist schwer vorstellbar, dass ein gebildeter Berliner wie Wowereit nie die „Männerfantasien“ von Klaus Theweleit gelesen hat. Undenkbar also auch, dass er sich nie mit dem Verhältnis von Sexualität, Herrschaft und Gewalt beschäftigt hat. Oder ist Wowereit kein Linker? War er niemals einer?

Vielleicht ist das unwichtig. Entscheidend ist, ob sich der Bürgermeister der Gefahrenseite einer multi-kulturellen, multi-ethnischen Großstadt bewusst ist. Das sadomasochistische Straßenfest, so Wowereit, sorge dafür, „dass sich die Szene öffentlich präsentiert, dass Skepsis und Vorbehalte einem freundlichen Miteinander weichen“. Ein freundliches Miteinander, ans Pissoir gekettet mit Gasmaske und Militärstiefeln?

Berlin ist tolerant. Gerade deshalb muss glasklar sein, wo die Grenzen dieser Toleranz liegen. Eine dieser Grenzen heißt Gewalt. Ihre Ausübung, sei es in Gestalt von Maikrawallen, Fußballrandale, Bandenkriegen oder Ehrenmorden, verstößt gegen das Gesetz, verlangt null Toleranz. Die Verherrlichung von Gewalt ist nicht in jedem Fall illegal, aber natürlich verdient sie es, moralisch bekämpft zu werden. Allermindestens aber darf der Repräsentant dieser Stadt keinesfalls für den Gewaltkult werben. Wowereit tut es trotzdem – mit Absicht: Sein Sprecher verteidigt ihn gegen Kritiker, die seien bloß verklemmt. Ist Sadomasochismus mit schwerem Gerät Befreiung? Wollte Wowereit uns das sagen?

Nun kann man einwenden, Sadomasochismus könne nicht mit Ehrenmorden gleichgesetzt werden. Das stimmt, solange es sich um freiwillige Praktiken unter Erwachsenen handelt. Nur geht es bei der Messe nicht um die Privatsphäre, es geht um die Propagierung, Kommerzialisierung und Radikalisierung von sexueller Gewalt. Eine Stadt kann so etwas ertragen wollen. Reklame machen kann Wowereit dafür nicht. Oder er kann eben nicht Bürgermeister dieser toleranten Stadt sein.

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