Meinung : Der Fall Joseph: Keine Entwarnung

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Die Fakten im Fall Joseph, Stand Montagabend: Die Staatsanwaltschaft hat drei Haftbefehle aufgehoben. Der dringende Tatverdacht wegen Mordes könne nicht aufrecht erhalten werden. Ist das eine Wende, wie zu hören war? Rächt sich die "Vorverurteilung", die "öffentliche Hinrichtung" eines ganzen Ortes, wie Ministerpräsident Kurt Biedenkopf meint? Das hätte er wohl gerne. Aber geklärt ist nichts. Es wird weiter ermittelt, auch gegen die Freigelassenen. Ein dringender Tatverdacht ist nach Jahren des Nichtstuns und Tagen hektischer Prüfung schwer zu belegen. Und es wäre nicht das erste Mal, dass Staatsanwälte Verdächtige aus taktischen Gründen laufen lassen - vorerst. Es ist übrigens auch nicht das erste Mal, dass ein Ministerpräsident einen ganzen Ort fürsorglich in Schutz nimmt. So verteidigte Stolpe die Bewohner von Gollwitz, die gegen russisch-jüdische Auswanderer vorgingen. Heute gesteht Stolpe ein, Ausländerhass verharmlost zu haben. So weit ist Biedenkopf noch nicht. Deshalb hier weitere Fakten im Fall Joseph: Die Ermittler hatten ihre Akten zu früh geschlossen, aber noch mit dem - falschen - Hinweis "Iraker" versehen. Außerdem: In Sebnitz ist es normal, eine Familie zu terrorisieren, den Hitlergruß zu erbieten, Morddrohungen auszustoßen - so normal, dass nicht einmal die Polizei etwas unternimmt. Stattdessen erklärt der Pfarrer, die Eltern hätten wohl nicht richtig auf Joseph aufgepasst. Ein zynisches Stück Deutschland zeigt sich hier ganz ungeniert. Wer da erleichtert von Wende spricht, hat nichts verstanden.

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