Meinung : Der Fall Ulrike: Die Sucht nach Sensation

Gerhard Mauz

Als die Eltern erfuhren, dass der Mann, der ihre Tochter Ulrike getötet hat, festgenommen wurde und geständig ist, dankten sie der Polizei. Und sie baten um Ruhe für sich. Darum hatte schon ein anderer gebeten. Wolfgang Huber, Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, predigte während einer Trauerfeier, nachdem die Leiche des toten Kindes gefunden worden war.

Nur wer die Feier in der Übertragung durch ntv gesehen hat, hörte, dass der Bischof eindringlich, ernst, sogar streng an die Medien appellierte. Für den Kampf um Auflage und Einschaltquote gebe es eine Grenze: die Rücksicht auf die Angehörigen. Lesen konnte man diese Mahnung am nächsten Tag nicht in den Zeitungen. Und was man in vielen Medien hörte und sah, erwies dem Appell den ihm gebührenden Respekt nicht. Nach der Predigt Bischof Hubers wurde das Foto von Ulrikes Eltern zum Aufmacher auf Seite eins ("Sie haben gerade ihr totes Kind gesehen"). Und trotzig wurde es erneut noch einmal in einem Bericht über den Täter gebracht, denn auf dieses Bild der Eltern ist man stolz: "Das Foto entstand, als sie ihre tote Tochter identifiziert hatten."

Der Leitende Oberstaatsanwalt Carlo Weber, 49, hat in einer Pressekonferenz über die Verhaftung und das Geständnis des Täters berichtet. Er sagte, dass Stefan, 25, "eine schwere Kindheit" gehabt habe. Er habe das "schon jetzt" gesagt, wurde gemeldet, und es hieß auch, er habe das "beschwichtigend" gesagt. Das war anzuprangern. Denn: "Solche Sätze haben schon oft in Mordprozessen zu milderen Urteilen geführt."

Die Staatsanwaltschaft, die Strafverfolgungsbehörde, ist stolz darauf, das zu sein, was sie sein soll: eine objektive Behörde. Oberstaatsanwalt Weber hat nicht beschwichtigt, und schon gar nicht hat er mildernd dem Strafantrag vorgegriffen, der am Ende der Hauptverhandlung gegen Stefan von der Anklage gestellt werden wird. Er hat darüber informiert, dass der Täter kein unbeschriebenes Blatt ist: dass auch zu ihm, wie zu jedem derartigen Täter, eine Vorgeschichte gehört.

Die Staatsanwältin Petra Marx, 39, hat dann den Medien beschert, was hoffentlich nicht repräsentativ für die nächste, jüngere Generation von Staatsanwälten ist. An der Schuldfähigkeit des Täters bestehe "aus unserer Sicht" kein Zweifel. Die Beweislage sei "goldig", der Täter sei "eine tickende Zeitbombe".

Die Ermittlungen dauern an. Gutachter werden tätig werden. Die Anklage ist zu erarbeiten. Sie muss vorgelegt und zugelassen werden. Der "Spiegel" dieser Woche sagt treffend, dass sich nun Fakten und Gerüchte "wie unterschiedliche Währungen in einem Klingelbeutel" mischen, in den jeder etwas hineinwirft. Die Medien haben sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein. Es geht nicht nur um die Tat und das Urteil am Ende des Prozesses - es geht darum, was die Hauptverhandlung über den Weg des Täters zur Tat erbringt.

Wir schulden den Eltern Ulrikes und ihrer Schwester, dass die schreckliche, sinnlose Tat wenigstens eines bringt: Erkenntnisse und Lehren, die vorbeugen helfen, die dazu beitragen, dass es seltener zu solchen Taten kommt, dass warnende Anzeichen sichtbarer werden.

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