Der Fall Zumwinkel : In seiner Burg

Das Urteil gegen Klaus Zumwinkel geht in Ordnung, denn er hat dem Staat nur eine Million entzogen. In anderen Fällen geht es um Milliarden, die der Staat in Unternehmen pumpt, deren Manager total versagten. Für die Rolle des bösen Kapitalisten ist er unterbesetzt.

Lorenz Maroldt

Mild - das ist eine Empfindung, ein Gefühl, also eine sehr subjektive Sache. Ein Urteil wird meistens dann als mild empfunden, wenn das Strafmaß nicht die Betriebstemperatur der öffentlichen Erregung erreicht, jedenfalls im Urteil des Volkes, für das der Richter spricht. Zu mild, das bedeutet als Urteil: zu sanft, zu angenehm, zu verständnisvoll.

Zu mild: Das ist die überwiegende Reaktion auf das Urteil gegen Klaus Zumwinkel, den Unternehmenserben, Milliardenmanager, Verdienstkreuzträger, Steuerflüchtling. Zwei Jahre auf Bewährung und eine Geldstrafe in Höhe von einer Million Euro, die er sich leisten kann, also verlässt der frühere Chef der Post das Gericht, wie es so schön heißt, als freier Mann. Er ist so frei, sich zurückzuziehen, zum Beispiel auf seine Burg am Gardasee, auch hier: ein mildes Klima.

Um Milde empfinden zu können, bedarf es des Vergleichs, der Erfahrung, der Erwartung. Im Fall Zumwinkel gibt es jedoch eine Besonderheit, die das Gericht beim Strafmaß berücksichtigt, also angerechnet hat. Der Verteidiger nannte es die "mediale Hinrichtung" seines Mandanten, die Staatsanwaltschaft sah den Angeklagten "an den Pranger" gestellt. Gemeint sind die Umstände der Festnahme vor einem Jahr, ein Ereignis, das durch eine Indiskretion zu einer öffentlichen Inszenierung wurde, und die mittelbaren Folgen der bekannt gewordenen Tat, also Bedrohungen, Telefonterror, Hausbelagerungen, Nachstellungen, die Zumwinkel vor Gericht beklagte. Touristenführer nahmen die Kölner Familienvilla in ihr Programm auf, ein wohliger Ausflug zu einem Ort, an dem sich Schadenfreude entsorgen lässt. Auch Wut führt die Leute dorthin, die noch angefacht wird durch das Urteil: zu mild, sie wollten ihn doch hinter Gitter sehen.

Mitleid hat er nicht verdient

Doch zwei Jahre auf Bewährung ist kein Freispruch, und Absprachen vor dem Urteil, Deals genannt, sind kein Privileg von Millionären. Sie gelten für alle und werden bald gesetzlich geregelt. Zumwinkel hat gestanden, bereut und aufgeklärt, die Steuerschuld beglichen und - von einem Missgeschick der Justiz profitiert. Die Vorgänge des Jahres 2001 waren verjährt, als sie zur Anklage eingereicht wurden, so verminderte sich die Summe der hinterzogenen Steuern ganz knapp auf unter eine Million - die Voraussetzung dafür, die Haftstrafe zur Bewährung aussetzen zu können.

Gäbe es Josef Ackermann nicht, den gar nichts anzufechten scheint, der lächelnd die Massenentlassung von Mitarbeitern für Börsengewinne als gute Tat für Aktionäre feiert, dessen Victory-Zeichen vor Gericht zum Symbol für die Herablassung der Milliardenjongleure und Millionenverdiener vor den gesellschaftlichen Institutionen wurde, läge die Vermutung nahe, Zumwinkel schlage nun vor allem die Wut der Enttäuschung entgegen. Hoch gestiegen, auch im Ansehen, um so tiefer gefallen, entehrt, verachtet. Als Manager des Jahres hat er sich Verdienstorden umhängen lassen; er galt als etwas anders, irgendwie besser, wenn auch eher unbestimmt, und er hat, durchaus zum finanziellen Nutzen des Staates, das Unternehmen Post geleitet. Aber er machte auch privat Millionen mit geschickten Aktienverkäufen in einer plötzlich günstigen Situation, die er mit seinem politischen Einfluss beim Streit um den Mindestlohn bei Post und Pin erst herbeigeführt hatte. Ein knallharter, skrupelloser, Gesetze brechender Manager in eigener Sache. Jetzt ist er einer der Bösen. Mitleid hat er nicht verdient. Aber als Projektionszwilling von Ackermann für die Rolle des bösen Kapitalisten ist er unterbesetzt.

Als Zumwinkel zum ersten Verhandlungstag vor Gericht erschien, warteten "empörte Bochumer Bürger", wie sie sich nannten; ihr Gefühl, herausgepresst in Parolen, ist: die da oben, wir da unten. Zumwinkel ist für sie einer von denen da oben, die schuld sind an allem, was derzeit geschieht, was als ungerecht gilt und als unsozial. Aber im Fall Zumwinkel geht es um eine Million, nur eine Million, die er dem Staat entzogen hat. Das ist verhältnismäßig mild. In anderen Fällen geht es um Milliarden, die der Staat in Unternehmen pumpt, deren Manager total versagten. - Das Urteil gegen Klaus Zumwinkel geht in Ordnung.

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