Meinung : Der falsche Blick

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Die folgenden Fragen haben bestimmt nichts mit der Geschichtsfähigkeit der FDP zu tun: Weiß man eigentlich, wer Jürgen W. Möllemanns Vater war? Ein bisschen was ist bekannt. Er war ein kleiner Handwerksmeister, ein Polsterer. Jürgen W. hat mal über ihn gesagt, sein Betrieb sei irgendwann pleite gegangen und dies habe er, der Vater, nie wirklich verwunden. Er sei früh gestorben.

Und der Vater von Guido Westerwelle? Der Sohn erzählt viel von ihm, er sei sein Vorbild, sein Freund. Von Beruf ist Heinrich Westerwelle Rechtsanwalt, ein guter, heißt es. Und Guido Westerwelle hat mit ihm zusammen in Bonn bis vor kurzem in einer Art Wohngemeinschaft gelebt. Lustig sei das gewesen, sagt er Sohn. Das hat man geahnt: Bei Guido ist alles immer lustig.

Waren die Väter Nazis? Haben sie mitgemacht, waren sie Täter? Waren sie Soldaten? Wie haben sie den Krieg verarbeitet? Oder waren sie Männer des Widerstands? Oder einfach Mitläufer? Oder einfach nur unpolitisch? Weiß man nicht. Bei allem medialen Trommelfeuer der Söhne: Die Archive müssen passen, sie haben darüber keine Informationen.

Da sind Westerwelle und Möllemann übrigens keine Ausnahmen. Man kennt sie nicht, die Familiengeschichten der meisten jetzt aktiver deutscher Politiker, und wenn, dann fangen sie nach 1945 an. Aber man kennt die schrecklichen Familiengeschichten von Ignatz Bubis, Paul Spiegel oder Michel Friedman. Die erzählen. Von den überlebenden Opfern des Holocausts, von den prominenten und den nicht prominenten, ist auch überliefert, wie sich der erlebte Horror auf die nachfolgenden Generationen ausgewirkt hat und immer noch auswirkt. Und wie ist das bei den Deutschen? Bei den Tätern, den Mitläufern, den wenigen Widerstandsleuten? Wie haben deren Leben die Nachkommen geprägt? Wie erzählen und transportieren sie ihre Geschichten aus dem Tausendjährigen Reich?

„Verschwörung des Schweigens“

Der israelische Psychologe Dan Bar-On hat sich Ende der 80er Jahre mit diesen Fragen auf den Weg nach Deutschland gemacht und traf auf ein geteiltes Land. Zum einen die offizielle Vergangenheitsbewältigung von Historikern, Soziologen und Politikern: ausufernd, genau, korrekt. Zum anderen die Binnenkommunikation deutscher Familien: das große Schweigen. Zu seiner größten Überraschung stellte der Israeli fest, der sicher auch seine eigenen Erwartungen hatte, dass trotz aller kurzfristigen Aufregungen der 68er Zeit die persönlichen Vergangenheitsgeschichten kein Thema waren. Großväter und Väter erzählten nichts oder nur Stereotypen, Kinder und Enkel wollten nichts wissen.

Der Münchner Psychologe Louis Lewitan spricht von „einer Verschwörung des Schweigens, an der sich weite Teile der deutschen Bevölkerung beteiligt haben“. Dan Bar-On recherchierte weiter. Er schreibt: „ . . . als Teil meiner Untersuchung forsche ich nach ,Beichtsituationen’ von Nazi-Tätern und Mitläufern: Sind sie zu Priestern (oder Ärzten und Psychologen) gekommen, um Verbrechen zu bekennen, an denen sie während des Krieges beteiligt waren? Bei meinen beiden ersten Aufenthalten in Deutschland hatte ich Kontakt zu etwa 80 Ärzten, Priestern, Psychologen und Psychiatern, aber keiner konnte von einer solchen Beichte berichten. Ein Psychiater und ein Arzt hatten lediglich von Kollegen gehört, die so etwas erlebt hatten.“ Dan Bar-On vermutet hinter diesem Schweigen und Verstummen „eine tiefe, verschlossene Angst vor den eigenen Geschichten“.

Patient Deutschland

Damit das klar ist: Fast 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges kann es nur noch in den allerseltensten Fällen um Vorwürfe oder das Feststellen von Schuld gehen. Es geht um Erkennen, um Wissen. Wären die Deutschen ein einziger Mensch, ein Patient, würde der Therapeut zu ihm sagen: Du musst dich deiner Geschichte mit all den Widersprüchen, den hellen und dunklen Punkten stellen. Das ist der einzige Weg.

Was dies alles jetzt doch mit der FDP zu tun hat? Nun, in den letzten Tagen und Wochen konnte man zusehen, wie führende Repräsentanten dieser Partei den alten Versuch starteten, Deutschland neu zu erfinden, also so zu tun, als hätte Deutschland gar keine Geschichte, und wenn doch, ist sie ja schon so lange her. Damit Deutschland jetzt ganz schnell unbekümmert und frisch wird, muss man auch mal böse und frech zu Israel und den Juden sein dürfen. (Und danach lernen wir alle Fallschirmspringen, das kann man immer brauchen in der globalisierten Welt.)

Und man konnte zusehen, wie dieser Versuch immer kläglicher scheiterte und dabei in wenigen Tagen dafür sorgte, dass die Möglichkeit, die FDP bekäme nach einem gemeinsamen Wahlerfolg mit der Union den Außenministerposten, heute kaum mehr vorstellbar ist.

Es kam bislang sicher nicht allzu oft im politischen Betrieb vor, dass ein Parteivorsitzender innerhalb von Tagen, manchmal Stunden, gar nicht mehr herauskam aus dem Pirouettendrehen – von einem Widerspruch zum nächsten. So sagte Westerwelle noch kurz vor seiner Abreise in den Nahen Osten, der Umgang mit Israel sei sicher auch eine Generationsfrage, jüngere Deutsche würden sich eben leichter tun mit ihrer Kritik an Israel als Ältere. Als er dann einige Stunden später die Gedenkstätte Yad Vashem besuchte, schrieb er in das Gästebuch: „Geschichte endet nicht mit einer neuen Generation, wir bleiben in ihrer Verantwortung. Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Um sein besonderes Geschichtsbewusstsein zu demonstrieren, hatte Guido Westerwelle ein paar Tage zuvor noch erklärt, eine Lehre aus der schlimmen deutschen Geschichte sei eben, dass man nirgends zuschaue, wenn anderswo Menschen Unrecht angetan werde, und gerade deshalb werde die FDP weiter die Politik Israels anprangern. Eigenartig, von diesem Satz war nichts mehr zu hören, als er dann bei Ariel Scharon saß. Da antwortete Kanzlerkandidat Westerwelle auf dessen harrsche Kritik sichtlich verschüchtert, man müsse überall in der Welt gegen den Antisemitismus vorgehen. Und am nächsten Tag legte er einen Kranz nieder, an der Stelle des jüngsten Terroranschlags, der sich wenige Stunden zuvor ereignet hatte, zu Ehren der Toten, die Opfer eines dieser Selbstmordanschläge wurden, für die ja sein Stellvertreter Möllemann grundsätzlich Verständnis geäußert hatte.

Die Geschichtsdilettanten. Am Dienstagabend der vergangenen Woche sagte Rainer Brüderle, ein anderer stellvertretender Parteivorsitzender, in einer Diskussionsrunde im Fernsehsender Phoenix, der Vorwurf, die FDP sei antisemitisch, sei schon deshalb so absurd, weil seine Partei in der Nachkriegsgeschichte ohne Fehl und Tadel sei, was jeglichen Vorwurf einer rechten Gesinnung angehe. So hat er das gesagt. Dabei hätte er doch als Partei-Oberer wissen müssen, dass gerade die FDP in Nordrhein-Westfalen eine tiefbraune Vergangenheit hat, also genau der Landesverband, in dem der Vorsitzende Möllemann gerade den Israel-Verschwörungstheoretiker Karsli zum persönlichen Mitarbeiter gemacht hat.

Es ist schon eine ganze Weile her: Anfang der 50er Jahre hatte sich um den damaligen Landesvorsitzenden Middelhauve eine Reihe ehemaliger Nationalsozialisten geschart, die zunehmend die Macht übernahmen und sich im n der FDP besonders stark machten für die Amnestie von NS-Tätern. Im Mittelpunkt stand dabei Werner Naumann, der ehemalige Staatssekretär im Reichspropaganda-Ministerium von Goebbels. Er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er auch nach 1945 ein eingefleischter Nationalsozialist geblieben war.

Der Höhepunkt der braunen Renaissance in der FDP war der Bundesparteitag 1952 in Bad Ems. Ausländische Medien berichteten besorgt über die seltsamen Figuren, die dort auftraten und dominierten. Die Alliierten, der britische Hochkommissar, war es schließlich, der dem Spuk ein Ende bereitete. Am 15. und 16. Januar 1953 verhaftete die britische Militärpolizei Naumann sowie sieben weitere Angehörige seiner Gruppe, darunter Gustav Scheel, einstiger Reichsstudentenführer und Salzburger Gauleiter, Karl Kaufmann, einst Gauleiter in Hamburg, sowie Paul Zimmermann, ehemals Brigadeführer im Wirtschaft- und Verwaltungshauptamt der SS.

Die deutsche Öffentlichkeit zeigte sich zunächst empört über das, wie viele es formulierten, „massive Einmischen in deutsche Belange“. Doch Bundeskanzler Konrad Adenauer nahm mit seiner auch international stark beachteten Stellungnahme vielen den Wind aus den Segeln: Er bedankte sich ausdrücklich bei den Briten für ihre Aktion.

Zum Dunstkreis der damaligen FDP-Nazis gehörte auch ein Mann namens Werner Best, er stand für einige Zeit als Berater auf der Gehaltsliste der Partei. Der Freiburger Geschichtsprofessor Ulrich Herbert hat in seiner ungemein spannenden Biografie „Best“ den Lebensweg dieses Mannes aufgezeigt. Er war der Stellvertreter Heydrichs bei der Gestapo, führender Ideologe der SS und war für den Tod vieler tausend Menschen verantwortlich als Organisator der so genannten Einsatztruppen in Polen.

Auch nach dem Krieg machte er Karriere als Direktor eines Industrieunternehmens, außerdem koordinierte er die Verteidigungsstrategie angeklagter NS-Täter. In dieser Eigenschaft organisierte er einen der größten deutschen Justizskandale. Denn die Gerichte ließen sich auf seine Argumentation ein, dass die Täter aus diesen Einsatztruppen nur auf Befehl gemordet hatten, dass dies deshalb nur als „Beihilfe zum Mord“ angesehen werden könne, und dass deshalb die meisten aller Verfahren inzwischen verjährt waren. Ihr alter Chef hatte es für sie geregelt. Werner Best entzog sich selbst immer wieder drohenden Gerichtsverfahren, die letzte große Mordanklage wurde ihm erst zwei Wochen nach seinem Tod zugestellt.

Als eine Hochburg des rechten FDP-Flügels galt damals der Kreisverband Aachen-Kern, dem der junge Otto Graf Lambsdorff vorstand, der heutige FDP-Ehrenvorsitzende. Ihm wurden damals enge Beziehungen zu dem Kreis um Naumann und Best nachgesagt. Diese Verbindungen waren auch der Grund, warum im Jahr 1999 verschiedene Opferverbände wie das Auschwitz-Komitee und die Lagergemeinschaft Ravensbrück Sturm liefen, als Lambsdorff zum Sonderunterhändler des Kanzlers bestellt wurde in Sachen Entschädigung für Zwangsarbeiter: Ein Mann mit einer solchen Vergangenheit sei nicht hinnehmbar. Lambsdorff selbst wies die Vorwürfe als eine „Mischung aus Dichtung und Wahrheit“ zurück. Der heute von Guido Westerwelle als überempfindlich beschriebene Zentralrat der Juden in Deutschland schloss sich damals übrigens diesem Protest nicht an. Man hatte akzeptiert, dass Lambsdorff längst ein anderer, ein wirklicher Demokrat geworden war. Heute ist Lambsdorff einer der schärfsten Kritiker von Möllemann. Nein, die FDP hat eine demokratische, liberale Entwicklung genommen, Namen wie Genscher, Hamm-Brücher oder Kinkel stehen für einen stolzen Weg. Obwohl in den 90er Jahren immer wieder rechtsnationale Bestrebungen hochkamen, braucht sie sich nicht ihrer Geschichte zu schämen – nur kennen sollte man sie.

Kämpfer für die arabische Sache

Und jetzt Westerwelle & Co: Alles Dilettanten? Wirklich? Oder ist es doch so, wie vielseits vermutet, dass all die Ausfälle der letzten Wochen bewusst gesteuert sind, in Absprache zwischen Möllemann und Westerwelle? Wie auch immer, je länger man diesen Affären zuschaut, desto mehr verdichtet sich die Erkenntnis, dass die Rechnung erstens moralisch verwerflich ist, zweitens aber auch nicht aufgehen wird. Gut, man hat nach den ersten Umfragen noch mal ein wenig zugelegt, aber da konnte die FDP-Spitze noch fälschlicherweise so tun, als ginge es um die Frage, ob man die Politik Israels kritisieren dürfe.

Inzwischen ist ein anderes Bild entstanden: Die Partei ist zerstritten, die alten Granden stehen gegen Möllemann auf, und alle rufen nach der Führungsrolle Westerwelles, der aber nicht recht kann. Bei aller populistischen Sehnsucht, nach neuen Stimmen am rechten Rand zu fischen, haben die Strategen W & M eines nicht berücksichtigt: Rechte Parolen vertragen sich nicht so gut mit Neo-Liberalismus. Nicht umsonst betonen rechte Stimmenfänger wie Haider oder Le Pen immer ihre Rolle an der Seite des so genannten kleinen Mannes.

Eine komplizierte Angelegenheit, unsere Geschichte. Westerwelle ist so gerne ein moderner Parteiführer – und ist nun in Sachen Historie tief in die Vergangenheit zurückgefallen: Lass uns so tun, als hätten wir keine Geschichte gehabt! Modern wäre etwas anderes gewesen: Wenn nämlich die FDP das neue Buch von Grass, die Kritik an Scharon, den aufkommenden Antisemitismus in Europa, wenn sie all das zum Anlass genommen hätte, eine Diskussion unter jungen und nicht so jungen Leuten darüber zu führen, was unsere Geschichte heute noch mit uns zu tun hat, warum sie uns immer noch teilweise prägt, abseits jeder Frage von Schuld und schlechten Gewissens, abseits der alten Muster. In einer solchen Gesprächskultur wäre es übrigens auch mal interessant, von Jürgen W. Möllemann zu erfahren, was genau ihn eigentlich schon in den 70er Jahren zum Kämpfer für die arabische Sache und zum dauerhaften Israel-Kritiker gemacht hat.

Der Psychologe Dan Bar-On hat in Deutschland versucht, das private Schweigen aufzubrechen und organisierte verschiedene Gesprächsrunden zwischen Kindern von Tätern und Kindern von Holocaust-Opfern. Seit einiger Zeit hat er auch, zusammen mit einem palästinensischen Psychologen, Gesprächskreise in Israel gegründet, zwischen Juden und Arabern. Seiner Meinung nach müssen die Israeli einen wesentlichen Beitrag zu einem möglichen Frieden leisten, in dem sie sich davon verabschieden, dass sie aufgrund ihrer Geschichte moralisch „immer Recht haben“. Man müsse endlich die eigenen Fehler und Widersprüche in der Politik der letzten Jahre akzeptieren, sagt Dan Bar-On. Darüber wird in Israel heftig diskutiert.

In Deutschland setzt sich nun Guido Westerwelle bald in sein Wahlkampf-Auto, das Guido-Mobil, wie er es nennt. Und Möllemann fliegt vom Himmel in seinem gelben 18-Prozent-Trikot. So sind sie wenigstens beschäftigt – und reisen nicht mehr so schnell ins Ausland.

Unsere Rätsel und die Kolumne „Mein Garten Eden“ finden Sie ab sofort auf der Seite 4 des „Sonntag“.

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