Meinung : Der freie Platz am Tisch

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Von Angelika Beer

WO IST GOTT

Meine Begegnungen mit Gott liegen außerhalb der Kirche. Sie war zu oft eine missbrauchende und missbrauchte Institution, etwa in ethnischen Konflikten als Legitimation für grausamste Taten. Ob ich an Gott glaube? Ja, aber nicht im Sinne eines kirchlichen Dogmas. Ich bin ihm oft dort begegnet, wo ich es nicht vermutet hätte. Als Mitglied des Verteidigungsausschusses bei Einheiten der Bundeswehr. Soldaten, die mit militärischen Mitteln für Frieden sorgen, haben ein tiefes Bedürfnis nach seelischen Ruhepunkten. Sie suchen für die persönlichsten, vertraulichsten Gespräche den Militärseelsorger auf. Dort können sie über das Öffnen von Massengräbern sprechen, ohne die Angst, dass dies als „Schwäche" ausgelegt wird. Können über Ängste, Einsamkeit, Gewissenskonflikte reden – und einen geistigen Raum finden, der sie zur Ruhe kommen lässt.

Ich bin keine Pazifistin. Angesichts der zerstörerischen Gewalt des internationalen Terrorismus müssen wir in wohl abgewogenen Fällen unsere offene, demokratische und verletzliche Gesellschaft militärisch schützen.

Weihnachten steht vor der Tür. Mein Fest ist das nicht. Zu viel Konsum, Glanzpapier, Lametta. Auf dem Weg zwischen Parteizentrale und Bundestag komme ich täglich an den erleuchteten Fenstern der Charité vorbei: Am Weihnachtsabend werden dort Menschen am Bett eines Einsamen, Kranken, Sterbenden ihren Dienst tun.

Es gibt den alten, guten Weihnachtsbrauch, an der festlichen Tafel ein Gedeck frei zu lassen: für den heimatlosen, späten Gast. Aber wären wir wirklich bereit, zu teilen mit dem Fremden, müde und hungrig, der uns unseren Wohlstand und unsere Existenzängste vor Augen führt?Begegnungen mit Gott sind Auseinandersetzungen mit dem Gewissen. Sie machen mich nachdenklich und ruhig.

Die Autorin ist Vorsitzende der Grünen.

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