Meinung : Der Gegenschlag: Kosovo plus BSE

Bernd Ulrich

Dumm sind sie ja nicht, die Terroristen. Es war clever, sich nach den Attentaten vom 11. September nicht zu bekennen. Es war geschickt, nach den US-Militärschlägen in Afghanistan mit neuen Terrorakten zu drohen. So wurde die Bedrohung allgegenwärtig. Jetzt müssen die unheiligen Krieger nur noch warten, dass die westlichen Gesellschaften nervös werden. Und tatsächlich: Sie werden nervös.

Nicht politisch oder militärisch: Noch ist bei den Nato-Staaten kein Zweifeln und Wanken zu erkennen, auch zu den Friedensdemonstrationen kommen nur wenige Menschen. Nein, die Nervosität nimmt einen anderen Weg, sie kommt über den Alltag. Nehmen wir wahllos ein paar Meldungen des gestrigen Tages: "Eieruhr löst Bombenalarm im Flughafen von Kopenhagen aus." Oder: "Milzbrandverdacht in Wiesbaden." Oder: "Nur 27 000 Bunkerplätze in Berlin." Die Eieruhr war nur eine Eieruhr, und ob da wirklich ein Erreger in einem Umschlag war, dafür gibt es nicht einmal harte Indizien. Doch das ändert nichts: Wenn solche Meldungen sich häufen, löst das zunächst mulmige Gefühle aus. Auch wenn die Polizei in den Straßen der Großstädte jetzt häufiger zu sehen ist. Oder wenn das Robert-Koch-Institut und die Charité sich auf mögliche Anschläge vorbereiten.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? All das sind logische, unausweichliche Folgeerscheinungen in offenen Gesellschaften, die sich - nicht zu Unrecht - pauschal und umfassend bedroht fühlen. Wir entkommen dieser Dialektik nicht: Wenn die Polizei nicht präsenter ist, dann handelt sie fahrlässig, taucht sie überall auf, verstärkt sie die Furcht; wenn die Krankenhäuser keine Blutkonserven horten, wird man sie der mangelnden Vorsorge bezichtigen, tun sie es doch, dann wirft man ihnen Panikmache vor; wenn wir, die Medien, von all dem, auch von Überreaktionen in der Bevölkerung berichten, schüren wir schnell die aufkommende Verunsicherung, tun wir es nicht, so verstoßen wir gegen unseren Basis-Ethos - zu berichten, was ist.

Da können die Terroristen ruhig in ihren Bergen sitzen bleiben: Der Prozess der Selbstalarmierung des Westens ist in vollem Gang, die Geister der Terroristen sind plötzlich überall. Vorsorge und Umsicht können jederzeit in Hysterie umschlagen. Nicht nur bei den früher so hysterischen Deutschen, sondern auch in den USA. Dort stürzen die ausbleibenden Flugpassagiere die Airlines in die Krise, obwohl die Wahrscheinlichkeit, entführt zu werden, auch nach dem 11. September nahe bei null liegt. Typisch deutsch diese Amis, möchte man fast sagen.

Die Furcht vor dem Milzbranderreger ist vielleicht das bezeichnendste Symptom für die anschwellende Aufgeregtheit. Denn in ihr kreuzen sich die Ängste vor Krieg und vor Krankheit. Es ist für die Deutschen so wie Kosovo plus BSE. Im Quadrat. In den letzten Jahren haben wir gelernt, auch im Falle eines Krieges, an dem Deutschland beteiligt ist, die Nerven zu behalten. Wir haben ebenfalls gelernt, mit den allfälligen ökologischen und gesundheitlichen Bedrohungen umzugehen. Aber wir hatten noch nie beides zugleich. Was folgt daraus? Wir werden auch das lernen, lernen, immer ruhiger zu werden, je bedrohter wir uns fühlen, immer konzentrierter, je mehr Tartarenmeldungen uns um die Ohren fliegen. Cool Germany. Hoffentlich halten die Deutschen das so lange durch, bis irgendwelche Soldaten der Nato die Terroristen vom Berg geholt haben.

Damit das gelingt, darf auch die Politik nicht nur auf Umfragewerte schauen oder auf imposante Bundestagsmehrheiten. Die Regierung mag zwei Drittel der Bevölkerung auf ihrer Seite haben, aber die meisten Einzelnen sind es im Innersten nur zu 50,01 Prozent. Der Rest besteht aus Skepsis, ob die rationalen Kriegsziele erreichbar sind. Und aus Angst. Psychologischem Milzbrand sozusagen.

Entschieden sein, ist schon gut. Man wüsste nur gern genauer: zu was.

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