Meinung : Der Gegenschlag: Vier Tage Sieg - und jetzt?

Nach nur vier Tagen Krieg stehen die USA unangefochten da. Sie haben die Lufthoheit errungen, auch die moralische. Wer kann ihnen jetzt noch das Recht zum Eingreifen absprechen, nachdem Osama bin Ladens Terrororganisation Al Qaida weitere Anschläge angekündigt hat - ein Schuldeingeständnis vor der ganzen arabischen Welt. Vier siegreiche Tage, und doch scheint Amerika in die Bredouille zu geraten. Kampfflugzeuge kehren zurück, ohne ihre Bomben abgeworfen zu haben; es mangelt an sinnvollen Zielen. Keine Spur von bin Laden. Nichts deutet darauf hin, dass die Taliban wanken. Zugleich wachsen die Zweifel, dass die Nord-Allianz als Hilfstruppe zum Sturz des Regimes taugt. Eine Parteinahme für sie könnte zudem die unverzichtbare Allianz mit Pakistan sprengen. Und als Ersatzregierung Afghanistans kommt die Nord-Allianz ohnehin nicht in Frage, weil sie die größte Volksgruppe, die Paschtunen, nicht repräsentiert.

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Hintergrund: US-Streitkräfte und Verbündete
Schwerpunkt: US-Gegenschlag, Nato und Bündnisfall
Schwerpunkt: Osama Bin Laden
Schwerpunkt: Afghanistan
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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Alles Risiken, die vorher bekannt waren. Die USA haben die erste Phase des Krieges rasch gewonnen - aber wie kann es weitergehen? Plötzlich haben "Bodentruppen" Konjunktur - den gefährlichen Marsch auf Kabul durch die ihnen unbekannte, winterliche Bergwelt des Hindukusch wollten die Amerikaner doch stets vermeiden. Und die USA drohen weiteren Staaten mit Angriff. Sind sie ratlos und stürzen sich, weil es irgendwie weitergehen muss, nun in Abenteuer? Oder hat Amerika einen besonders raffinierten Plan, den die Strategen anderswo nur nicht durchschauen?

Weder noch. Krieg ist nur begrenzt planbar, auch für die größte Militärmacht, zumal wenn ihr nur drei Wochen zur Vorbereitung bleiben. Was Amerika tun muss, hängt auch vom Gegner ab. Was ist, wenn die Taliban alle Kräfte zu einem Angriff auf die Nord-Allianz zusammenziehen? Oder die Shelter-now-Geiseln als Schutzschilde missbrauchen? Die Risiken und Interessenkollisionen lassen sich zwar vorher analysieren, aber nicht aus der Welt schaffen. Man kann nicht gleichzeitig ganz auf Pakistan und auf die Nord-Allianz setzen. Oder: auf die Bodentruppen der Nordallianz verzichten, auf eigene aber auch.

Eine flächendeckende US-Invasion Afghanistans steht nicht zur Debatte. Aber ein Luftkrieg wie im Kosovo, mehrere Wochen lang, bis der Gegner auf die geforderten Friedensbedingungen eingeht, wird genauso wenig genügen. Amerika wird im Fall Afghanistan über das Ergebnis des Golfkrieges hinausgehen müssen - Kuwait befreit, doch der Todfeind bleibt an der Macht. Dafür sind die Verbindungen zwischen den Taliban und bin Laden zu eng, zu offensichtlich.

Bin Laden und andere Al-Qaida-Mitglieder zu greifen bleibt offizielles Kriegsziel, die Taliban zu stürzen, das unausgesprochene. "Bodentruppen" können auch Spezialkommandos mit solchen Aufträgen sein. Dafür braucht man verlässliche Informationen, wo die Gesuchten zu finden sind. Zum Teil vielleicht schon in anderen Ländern, die Terroristen schützen: Kaschmir, Irak, Somalia, Jemen. Das wäre eine Erklärung für die Drohung, weitere Staaten anzugreifen. Eine andere: Die Operation kann dauern, Wochen und Monate, in denen Amerika unter Druck steht und bei Misserfolg in Versuchung geraten könnte, abzulenken - etwa durch einen Angriff auf Irak, weil Saddam Hussein auch zu den Drahtziehern gehört. Da sollten die Verbündeten vorher Beweise verlangen.

Ein variables Szenario mit vielen Ungewissheiten - nicht für Wochen, sondern für Monate und Jahre. Also genau das, was George W. Bush seinem Volk und der Welt angekündigt hat. Der Krieg ist nicht vorbei, er beginnt jetzt erst.

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