Meinung : Der Gegenschlag: Wende vor dem Winter

Malte Lehming

Die erste Woche Krieg ist vorbei. Täglich prasseln Meldungen auf uns ein, die sich nur schwer zu einem stimmigen Bild zusammenfügen lassen. Streubomben werden eingesetzt, "Kollateralschäden" beklagt. Das Vorgehen der amerikanischen Streitkräfte wirkt seltsam planlos, eine militärische Strategie scheint ebenso zu fehlen wie ein politisches Konzept, was nach dem Krieg aus Afghanistan werden soll. Etwas Klarheit kann deshalb nicht schaden.

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Umfrage: Bodentruppen nach Afghanistan? Ist das ein großer oder ein kleiner Krieg? Die "Operation dauerhafte Freiheit" lässt sich als Minimalkrieg bezeichnen. Im Golfkrieg, vor zehn Jahren, haben die Verbände der Anti-Irak-Koalition im Durchschnitt 1500 Angriffe pro Tag geflogen. Gegen Jugoslawien bot die Nato eine Armada von 1100 Flugzeugen auf. Diesmal, gegen das Al-Qaida-Netzwerk um Osama bin Laden und das Taliban-Regime in Afghanistan, lassen die USA im Schnitt täglich zehn Bomber und 15 Jets starten, die sich auf maximal ein Dutzend Ziele konzentrieren.

Warum werden Streubomben abgeworfen? Das dient der Aufklärung. Die USA wollen beobachten, wie die Taliban und die Terroristen auf "schweres Feuer" reagieren, wohin sie fliehen, wie ihre Kommandostrukturen funktionieren. Durch Afghanistan zieht sich ein schwer zu ortendes Tunnel- und unterirdisches Bunkersystem. Wo der Gegner sich gerade versteckt, wissen die Amerikaner nicht. "Die Streubomben sind wie der Stock, mit dem wir auf Bäume hauen, um zu sehen, in welchem davon die Bienen leben", sagt ein Veteran.

Was ist die Strategie? In der ersten Phase wurde die Luftabwehr der Taliban entscheidend geschwächt. Gegenwärtig läuft die zweite Phase, in der es darum geht, den Gegner zu zermürben und zu Fehlern zu provozieren. Die dritte Phase - der Einsatz von Spezialkräften und Hubschraubern, die vom Boden aus gegen die Führung der Taliban vorgehen - steht unmittelbar bevor. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass einige dieser Operationen geheim ausgeführt werden.

Wie gefährlich sind die Spezialoperationen? Man kann nur hoffen, dass die Amerikaner aus Fehlern gelernt haben. Im Jahre 1970 sollte ein Kriegsgefangenenlager bei Hanoi gestürmt werden - es war leer. Eine Dekade später sollten amerikanische Geiseln im Iran befreit werden - die Hubschrauber stürzten ab. Vor acht Jahren wollten US-Einheiten den somalischen Rebellen Aidid schnappen - 18 Soldaten kamen dabei ums Leben, der Versuch wurde aufgegeben.

Wie ist der zeitliche Ablauf? Das lässt sich nur schwer prognostizieren. Sicher ist nur, dass die Zeit drängt. Mitte November beginnt der islamische Fastenmonat Ramadan. Seit dem 11. September sind die USA intensiv bemüht, jeden Eindruck zu vermeiden, der auf Anti-Islamismus hindeutet. Sollten jedoch Bilder von getöteten Moslems während des Ramadans über den arabischen Satellitensender laufen, wäre die Koalition einer schweren Belastung ausgesetzt. Und nach dem Ramadan ist tiefster Winter. Der militärische Erfolg sollte sich deshalb möglichst in den kommenden vier Wochen einstellen.

Könnte die Koalition schon bis dahin auseinander fallen? Die Gefahr besteht. Am bedrohlichsten sind die anti-amerikanischen Demonstrationen in Pakistan und Saudi-Arabien. Das eine Land verfügt über Atomwaffen, das andere kontrolliert den heiligen Boden von Mekka. Allerdings ist das Bündnis bislang erstaunlich stabil. Die Regierungen der beteiligten arabischen Länder scheinen den sporadisch aufwallenden Volkszorn im Griff zu haben. Die dafür eingesetzten Mittel sind freilich nicht immer zivile.

Warum haben die Truppen der oppositionellen Nordallianz nicht längst eingegriffen? Das liefe den Zielen der USA zuwider. Zum Ärger der Opposition sparen die Amerikaner bei ihren Bombardements wichtige Stellungen der Taliban sogar aus. Das betrifft vor allem die Gegend um Kabul. Washington will verhindern, dass allein die Nordallianz - die von Iran und Russland unterstützt, von Pakistan jedoch abgelehnt wird - die Macht in Afghanistan übernimmt.

Wie stellen sich die Amerikaner die politische Zukunft in Afghanistan vor? Vorrang hat, ein Machtvakuum nach dem Sturz der Taliban zu verhindern. Versucht wird daher, ein Regierungsbündnis zu bilden, das möglichst viele der rivalisierenden Gruppen umfasst. Darin könnte auch der im Exil lebende König eine Rolle spielen. Für den Wiederaufbau des Landes und zur Verhinderung einer humanitären Katastrophe wird die UN ebenso benötigt wie Europa.

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