Meinung : Der Geist bläst von der Basis

Die „Bestandsaufnahme“ zur Vorbereitung einer römischen Synode weckt Hoffnungen.

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Sollte die (dementierte) Mär doch stimmen, dass Papst Bergoglio sich nachts schon mal zum Almosenverteilen im ziemlich heidnischen Rom herumtreibt, könnte er dort Volkes Stimmung drastisch mitbekommen. Für Impressionen vom Zustand des Erdkreises reichen solche Stippvisiten ganz unten nicht. Die universal angelegte Umfrage „Pastorale Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung“, deren desillusionierendes Ergebnis Deutschlands Bistumsleiter nun zur Vorbereitung einer Bischofssynode nach Rom geschickt haben, soll kommende Beratungen über Ehepastoral und Sexualmoral umfassender an der Realität orientieren. Wird das, was Katholiken wirklich leben, aber dem Papst nie sagen durften, der inspirierende Faktor X fürs Strategie-Meeting?

Die Bestandsaufnahme – hierzulande collagiert aus Fragebogen-Rücklauf, Interviews durch Verbände und Online-Reaktionen – sei kein Referendum, warnt der Vatikan. Wunschdenker, die manches böse Dogma schon unter Shitstorm und Petitions-Hype wanken sehen, müssen sich weiter gedulden. Die ecclesia catholica bleibt ein hierarchisches Institut mit der verfassungsrechtlich mysteriösen Doppelspitze Bischöfe/Papst, deren kollegiale Kooperation überhaupt erst noch gelernt werden muss – im Hören auf (biblische) Überlieferung und den Heiligen Geist, der von der Basis bläst. Wahrhaftig steht am Ende jener 20 Seiten aus der Bischofskonferenz (DBK), die resümieren, wie fast unüberbrückbar ein Spalt zwischen Lehre und Alltag klafft, der schöne Satz: Es komme bei der „Durchführung“ der Bischofssynoden 2014/ 15 darauf an, „Eheleute und Familien tatsächlich als Subjekte der Ehe- und Familienpastoral ernst zu nehmen, sie in die Vorbereitungen einzubeziehen und sie an den Beratungen der Synode selbst in geeigneter Weise zu beteiligen“.

Sobald Resultate der Bestandsaufnahme aus anderen Weltwinkeln hinzugekommen sind, dürfte die Gräben-Überbrückung allerdings noch komplexer erscheinen. In ihrer Einleitung hatten die Fragebogen-Autoren eine Fülle „noch nie da gewesener Problematiken“ erwähnt, unterschiedlichste Baustellen: neben den hiesigen Fragen zu Lebensgemeinschaft, Adoption, Homosexualität, Geschiedenenpastoral auch interreligiöse Ehen, Polygamie, Brautkäufe, Kastensystem, antikirchlicher Feminismus, Migration und Familien-Erosion, mediale Manipulation des Ehebildes, Leihmütter, neue Menschenrechts-Interpretation. Zu erleben, dass Asiaten und Afrikaner andere Nöte wichtig(er) finden als ein Europäer, könnte synodale Kulturschocks provozieren, von denen alle Seiten profitieren.

Doch lassen sich in der deutschen Auswertung auch schon Diskrepanzen erkennen, die viele Kulturkreise betreffen. Werte der Kirche werden geschätzt, aber was die als Verbotsmoral wahrgenommene Lehre damit zu tun hat, bleibt unverstanden – wie die Verlautbarungssprache überhaupt, der Zusammenhang zwischen Theologie und Praxis, der als grausam empfundene Umgang mit Scheiternden. Die Kirche hat, laut diesem interpretativ zusammenfassenden DKB-Papier, weniger ein Produkt-, zum Teil ein Kompetenz-, vor allem aber ein dramatisches Vermittlungsproblem. „Wegbegleitung“ in verschiedenen „Lebensphasen“ lautet jetzt der Vorschlag: als Alternative zur lebensfernen Verbotsmoral. Wie man dabei , ohne zu relativieren, eigene Ideale im Blick behält, darf die Bischofssynode nun herausfinden, der Weg ist das Ziel.

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