Meinung : Der General als Taube

Von Christoph von Marschall

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Ariel Scharon meint es ernst. Zum ersten Mal in der Geschichte Israels will die Regierung Siedlungen in den besetzten Palästinensergebieten aufgeben. Natürlich darf man einwenden: Was sind schon 21 Siedlungen weniger im Gazastreifen und vier im Westjordanland – gemessen an den Hunderten, die erstmal bleiben? Und doch ist das ein historischer Moment. Denn die Dynamik kehrt sich um. Es geht nicht mehr um neuen Siedlungsbau, auch nicht um Siedlungsstopp – mit dem daran hängenden Streit, was Neubau und was nur Ausbau bestehender Siedlungen sei –, sondern um Abbau. Politisch bedeutet das den Abschied von der Idee eines Großisrael mit Judäa und Samaria. Deshalb ist dieser Schritt mit der Räumung des Sinai – als Preis für den Frieden mit Ägypten – nicht zu vergleichen. Israel muss sich dazu überwinden, auch emotional, nicht nur politisch.

Seit 2003 hat Scharon dieses Ziel bekräftigt, viele haben es ihm nicht geglaubt, auch nicht, als er 2004 lieber das Scheitern seiner Regierungskoalition in Kauf nahm, als vor dem Widerstand der Siedler und ihrer politischen Lobby zurückzuweichen. Manche Skeptiker werden auch jetzt noch zweifeln und abwarten, ob den Worten Taten folgen. Aber der alte Militär Scharon will beweisen, dass er nicht nur Schlachten, sondern auch den Frieden gewinnen kann – dass er anders ist als sein jahrzehntelanger Gegenspieler Arafat, der den Wandel vom Kämpfer zum Staatsmann nicht schaffte. Der General will als Taube in die Geschichtsbücher.

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