Meinung : Der Heiße-Luft-Gipfel

Die Bundesregierung ist in der Energiepolitik völlig konzeptlos

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Alexander S. Kekulé Das Ergebnis des zweiten Energiegipfels der Kanzlerin ist kurz und trivial: Die Deutschen sollen mehr Energie sparen. Alle wichtigen Fragen wurden am Montag wieder einmal verschoben und an Arbeitskreise delegiert, wie bereits beim ersten Gipfel im April dieses Jahres. Die konzeptionellen Lähmungserscheinungen der Koalition, denen bereits die Gesundheitsreform zum Opfer gefallen ist, sind bei der Energiepolitik nicht minder gefährlich: Ohne ein solides Konzept der Bundesregierung werden die künftigen Rahmenbedingungen der deutschen Energiewirtschaft demnächst von Außen diktiert – von der kernenergiefreundlichen EU, den gewinnorientierten Stromerzeugern und den unsicheren Lieferstaaten für Erdgas und Erdöl.

Zwei wissenschaftliche Tatsachen zwingen die Menschheit dazu, ihre Energieversorgung neu zu organisieren. Erstens entstehen bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid. Die daraus resultierende Erwärmung hat nach neueren Studien den Rekordwert von 0,2 Grad Celsius pro Jahrzehnt erreicht, Tendenz weiter steigend. Entgegen früheren, optimistischeren Schätzungen werden deshalb bereits die Enkel der jetzt erwachsenen Generation erheblich unter dem Klimawandel leiden müssen. Zweitens sind die fossilen Brennstoffe demnächst aufgebraucht: Das Maximum der weltweiten Fördermenge wird nach geologischen Berechnungen zwischen 2010 und 2040 erreicht. Danach werden die Preise für Öl, Gas und Kohle ins Unermessliche steigen, zumal der Energiehunger Chinas und Indiens weiter wächst. Auch Kernkraft ist kein Ausweg, da die Uranvorräte in 40 bis 60 Jahren ebenfalls erschöpft sein werden. Zudem ist die Endlagerung des radioaktiven Mülls weltweit ein ungelöstes Problem, ganz zu schweigen von der durch zivile Kernkraft gebahnten Proliferation atomarer Waffen.

Spätestens im 23. Jahrhundert muss die Menschheit deshalb eine vollkommen neue Energiewirtschaft aufgebaut haben, das Zeitalter der „Öl-Menschen“ wird Geschichte sein wie die Bandkeramiker. Wirklich zukunftsfähig sind nur erneuerbare Energien und – vielleicht – die Kernfusion. Bis jedoch aus Wind, Solarzellen oder nachwachsenden Rohstoffen ausreichend und wirtschaftlich Strom gewonnen werden kann, müssen unzählige technische und logistische Fragen gelöst werden; ob jemals mittels Kernfusion Strom aus Meerwasser gewonnen werden kann, steht noch weiter in den Sternen.

Der Appell der Bundesregierung zum nationalen Wettsparen ist die offensichtliche Notlösung, wenn die Strompreise steigen und für die Kyoto-Ziele kein Energiemix konsensfähig ist.

Auch Laufzeitverlängerungen für veraltete Kernkraftwerke verschieben das Problem nur. Sie sind obendrein gefährlich, weil die technischen Risiken nicht erforscht sind. Zudem bestünde dann für die Energieversorger keine wirtschaftliche Notwendigkeit mehr, wie versprochen bis 2012 umweltfreundliche, konventionelle Kraftwerke mit neuester Technologie für rund 20 000 Megawatt zu bauen – fast das Dreifache der Leistung aller deutschen Kernkraftwerke.

Oberste Priorität in der Energiepolitik muss die langfristige und intensive Forschung für die neuen Energieformen haben. Daneben sollte das Energiekonzept der Bundesregierung einen schlüssigen Weg aufzeichnen, wie der Übergang vom gefährlichen Status quo in die neue Energiewirtschaft zu schaffen ist. Beispielsweise könnten Wind- und Solarkraft auch für die Grundversorgung eingesetzt werden, wenn die zeitlichen Schwankungen durch Einsatz von Wasserstoff als Energiespeicher ausgeglichen werden.

Wegen seiner hohen Umweltstandards und der Exportleistung bei Anlagenbau und Automobilen könnte Deutschland in der Erneuerung der globalen Energiewirtschaft sogar eine Vorreiterrolle einnehmen. Noch hat die große Koalition die Gelegenheit, die Bürger mit einem großen Wurf in der Energiepolitik zu überraschen – im Frühjahr 2007 will die Kanzlerin zum nächsten Energiegipfel einladen.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Molekulare Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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