Meinung : Der hinkende Stern

Ein Konzern muss in die Werkstatt: Daimler-Chryslers späte Qualitätsoffensive

Moritz Döbler

Es war einmal eine Zeit, in der war ein Mercedes der Inbegriff für Solidität, Zuverlässigkeit und Wertbeständigkeit. Jedes Taxi in Deutschland trug einen Stern, und wer privat Mercedes fuhr, war angekommen. In aller Welt stand Mercedes für deutsche Wertarbeit. Das ist lange her. 1,3 Millionen Mercedes-Fahrzeuge müssen außerplanmäßig in die Werkstatt, es ist der größte Rückruf in der Firmengeschichte. Die Bremsen sind betroffen, zudem Lichtmaschine und Software der Stromversorgung. Auf einen dreistelligen Millionenbetrag werden die Kosten für Daimler-Chrysler geschätzt.

Und der Konzern hat noch mehr Probleme: Die Kleinwagentochter Smart, die seit Jahren rote Zahlen schreibt, soll mit einem Sparprogramm profitabel werden. Bis zu 1,2 Milliarden Euro dürfte das kosten, das Konzernergebnis in diesem Jahr wird darunter leiden. Der Aktienmarkt nimmt die Negativ-Schlagzeilen gelassen hin. Zwar war die Daimler-Aktie am Freitag einer der größten Dax-Verlierer – aber ein Minus von deutlich unter einem Prozent ist angesichts dieser Nachrichten nicht wirklich viel. Das heißt: Die Aktienhändler und Analysten setzen darauf, dass Daimler-Chrysler seine Probleme in den Griff kriegt.

Und das tun sie wohl zu Recht. Der neue Mercedes-Chef Eckhard Cordes, zuständig auch für die Marken Smart und Maybach, ist ja just auf seinen Platz gesetzt worden, um die Qualitätsprobleme zu lösen. Aufräumen beginnt in der Regel mit Staubwolken und Dreck.

Hoffnungen macht auch die Modelloffensive der nächsten Monate. In Kürze steht die neue B-Klasse beim Händler, die in der unteren Mittelklasse ihr Publikum sucht. Im Laufe des Jahres kommen die ebenfalls von Grund auf neue R-Klasse sowie die neuen Versionen von M- und S-Klasse. Künftig bietet Mercedes in fast allen Segmenten Modelle an, vom Kleinstwagen bis zum Sportboliden.

Doch das tun andere Hersteller auch. Egal für welchen Zweck, egal mit welchem Image – wer ein Auto kaufen will, hat eine Riesenauswahl. In dieser neuen Zeit kann ein Mercedes seinen Preis nur rechtfertigen, wenn er die Markenwerte von früher belebt: Solidität, Zuverlässigkeit, Wertbeständigkeit.

Denn was damals noch teuren Autos vorbehalten war, ist heute Standard. Auch den Dacia Logan, einen Billigableger aus dem Hause Renault, gibt’s mit ABS, und mit dem jetzt in Leipzig vorgestellten Mittelklassewagen Zhonghua M1 des chinesischen Herstellers Brilliance – in China der Partner von BMW – fährt man auch kommod.

Es wird also immer weniger die Technik sein, die im Mercedes etwas Besonderes ist. Weil das so ist, gilt Toyota in der Autobranche inzwischen als das große Vorbild. Dort gibt es die moderne Technik zwar auch, wenngleich manchmal etwas später. Vor allem aber gibt es konkurrenzlose Zuverlässigkeit. Toyota ist Benchmark, wie man im Manager-Deutsch sagt.

Daimler-Chrysler hat die Herausforderung angenommen, das zeigen die historische Rückrufaktion bei Mercedes und die drastische Restrukturierung bei Smart. Und es liegen schon bewältigte Herausforderungen ähnlichen Kalibers hinter Vorstandschef Jürgen Schrempp. Den Irrweg der Welt AG hat er mit dem Ausstieg bei Mitsubishi verlassen, Daimler-Chrysler sieht sich als globaler Anbieter. Bis 2008 läuft sein Vertrag, und er wird mit einer glänzenden Jahresbilanz für 2007 scheiden wollen. Nicht zuletzt deswegen sollen alle absehbaren Restrukturierungskosten möglichst vorher verbucht werden, also in diesem und im nächsten Jahr.

Die Rabattschlacht der Autohersteller, die Konsumzurückhaltung der Deutschen, der Dollarkurs, der Ölpreis und die Graumarkt-Affäre sind Unwägbarkeiten. Wenn es Eckhard Cordes gelingt, den Mercedes-Stern wieder zum Strahlen zu bringen, dann dürfte er zum Nachfolger von Schrempp avancieren – und Chrysler-Chef Dieter Zetsche ausstechen.

Und wenn nicht, dann wird Mercedes ein Hersteller unter vielen werden. Vielleicht so wie Opel.

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