Meinung : Der Jenseitsbeschleuniger

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Oh ja, er war ein gläubiger Mensch, der letzte österreichische Kaiser Karl I. Wie sein Bruder und Vorgänger Franz Joseph glaubte er an Gott, das Vaterland und daran, dass Letzteres seinen slawischen Nachbarn überlegen ist. Die Bilanz des Ersten Weltkriegs, den Karl ab 1916 führte: 1,2 Millionen Tote in der Donaumonarchie, 1,7 Millionen tote Russen, 460000 tote Italiener, 360000 tote Serben etc. Für echte Christen ist das Diesseits nur ein müder Abklatsch des Jenseits, das man möglichst schnell erreichen sollte – allerdings ohne den Einsatz illegaler Beschleuniger, (Selbstmord ist eine Todsünde). So gesehen ist solch ein Krieg eine gute Idee, mag sich der Vatikan gedacht haben. Der Papst jedenfalls hat zum Palmsonntag vorgeschlagen, den guten Christen Karl wegen seiner Menschenliebe und seinem christlichen Wirken seligsprechen zu lassen, weil der ein gutes Vorbild im Glauben gewesen sei. Gerade einmal 20 Jahre später griff einer, der im ersten Weltkrieg für Gott, Vaterland und Kaiser Karl kämpfte, dessen Beispiel auf. Heute tun es sogar die Andersgläubigen, wenn auch in bescheidenerem Stil. Es fehlt nur noch die Zustimmung der Glaubenskongegration, dann darf der gute Karl, selig, am himmlischen Tisch der Heiligen Platz nehmen. Doch halt. Damit die christlichen Religionswächter dem Papstvorschlag zustimmen, muss noch nachgewiesen werden, dass Karl Wunder wirkte – nach seinem Tod. Das sollte kein Problem sein. Allein die Idee zur Seligsprechung grenzt schon an ein Wunder. mh

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