Meinung : „Der Kleingeist kann schon nerven“

Thorsten Metzner

Die Szene im Potsdamer Rathaus wirkte bizarr: Das Kommunalparlament hatte gerade den Bebauungsplan für den Aufbau des Knobelsdorff’schen Stadtschlosses durchfallen lassen, in das ab 2010 Brandenburgs Parlament einziehen soll. Eine 100-Millionen-Investition des Landes für Potsdams brachliegende Mitte stand plötzlich auf der Kippe – selbst vielen Stadtverordneten steckte da der Schreck in den Gliedern. Doch Oberbürgermeister Jann Jakobs, der die Gefahr unterschätzt hatte und seine bisher schwerste Niederlage kassierte, fing sich schnell: „Wir müssen jetzt retten, was zu retten ist.“ Seitdem führt der 52-jährige Sozialdemokrat unzählige Gespräche, damit es beim zweiten Anlauf klappt. „Es wäre sonst katastrophal.“

Das sind seine Stärken: Beharrlichkeit, Zuversicht und Ruhe selbst in schwierigsten Situationen zu bewahren, aber auch aus Fehlern zu lernen. Da hat er sich viel von seinem Vorgänger Matthias Platzeck abgeschaut, dem heutigen Ministerpräsidenten Brandenburgs. Als dieser 2002 Manfred Stolpe beerbte, wurde der damalige Sozialbeigeordnete in einer Stichwahl mit nur hauchdünnem Vorsprung vor einem PDS-Kandidaten zum Oberbürgermeister gewählt. Selbst in der eigenen Partei trauten viele dem gebürtigen Ostfriesen das nötige Stehvermögen nicht zu: Potsdam ist zwar eine für ostdeutsche Verhältnisse wohlsituierte Stadt, die Arbeitslosigkeit relativ niedrig. Gerade hat man ein Theater gebaut, ein NiemeyerSpaßbad soll folgen und schließlich das „Landtags-Schloss“. Aber das Stadtparlament gilt auch als besonders unberechenbar. Was mit einer speziellen Potsdamer Mentalität zusammenhängen mag, einer Neigung zu Prinzipienstreit, Klein- Klein und Kirchturmdenken, so dass Jakobs schon mal stöhnt: „Der Kleingeist kann nerven.“

Trotzdem bescheinigt man ihm, dass er das Rathaus besser im Griff hat als einst Platzeck, der eher nach außen glänzte. Jakobs, der 1993 als Jugendamtsleiter nach Potsdam kam, kennt die Verwaltung, die Probleme einer Stadt quasi von der Pike auf. Der verheiratete Vater von vier Kindern arbeitete einst als Erzieher in Hannover, studierte Sozialpädagogik in Hildesheim, dann Politik und Soziologie an der FU Berlin, war von 1979 bis 1988 Sozialarbeiter in Spandau. Aus Potsdam würde Jakobs nie mehr wegziehen: Mit seiner Familie lebt er in der Russischen Kolonie Alexandrowka, in einem denkmalgeschützten Holzhaus.

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