Der Körperleser : Auch die Person ist die Botschaft

Bankenchef Josef Ackermann, von manchen bewundert, von anderen verachtet, ist abgetreten. Aus diesem Anlass berichtet Kolumnist Ulrich Sollmann vom Gespräch mit einem Topmanager, der lange als integer und charmant galt - bis er sich plötzlich einer Hetzkampagne ausgeliefert fühlte.

Ulrich Sollmann
„Was raten Sie mir?“ Das fragte ein verunsicherter Topmanager unseren Kolumnisten Ulrich Sollmann.
„Was raten Sie mir?“ Das fragte ein verunsicherter Topmanager unseren Kolumnisten Ulrich Sollmann.Foto: dpa

„Was raten Sie mir?“ fragte er mich nach exakt 3 Minuten. Der, den ich aus Gründen des Vertrauensschutzes Dr. Kemper nennen möchte, ist Vorsitzender des Vorstands eines international operierenden, börsennotierten Unternehmens aus dem Food-Bereich. Eine von ihm initiierte Fusion hatte alle Beteiligten und Beobachter neun Monate zuvor völlig überrascht. Dr. Kemper galt seit langem als integere, erfolgreiche, sogar charmante Unternehmerpersönlichkeit. Ein Mann des wirtschaftlichen Erfolgs. Ein Mann mit persönlichen und moralischen Grundsätzen. Ein Mann, der seine Familie liebt. Ein begnadeter Musiker. Ein Topmanager, der, wie man im Management-Sprech zu sagen pflegt, keine Leiche im Keller hatte. – Welcher Manager kann das von sich behaupten?

So das einhellige Medienecho.

Durch einen wirtschaftlich sowie psychologisch gelungenen Fusions-Coup hatte er auch die letzten Zweifler auf seine Seite gebracht – bis er ganz unverhofft und unmissverständlich auf die Kostenbremse trat. Kenner des Marktes waren indes nicht überrascht; sie wussten um die Dynamik der globalen Märkte und die hiermit unweigerlich verknüpften Konsequenzen für das Topmanagement. Nicht so zu handeln, wie Dr. Kemper es tat, hätte geheißen, eine feindliche Übernahme zu riskieren.

Das Image von Dr. Kemper implodierte unmittelbar und radikal auf der Medienbühne. Auf einmal sah er sich gesellschaftlicher Anfeindung ausgeliefert und durch die Medien gehetzt. Mal nahm man Anstoß an der Ankündigung von Mitarbeiterentlassungen. Mal kritisierte man seinen Führungsstil als kühl, sezierend und unmenschlich - obwohl er zuvor beinah einhellig als korrekt, loyal und wertschätzend galt! Während andere Stimmen, die in ihm wohl schon immer einen Wolf im Schafspelz gewähnt hatten, nun lautstark betonten, dass er nun endlich sein wahres Gesicht zeigen würde. Und man hätte das ja schon immer gewusst.

Dr. Kemper wies die gegen ihn erhobenen Vorwürfe höflich, aber energisch zurück. Er vergriff sich nie im Ton, wurde nie beleidigend. Er begründete seine Entscheidungen strategisch und ökonomisch, so wie man es von einem Topmanager erwarten kann, auch erwarten muss. Und er brachte schließlich sein Unternehmen zurück auf die Erfolgsschiene. In seinem Herzen, so schien es mir in den Gesprächen mit ihm, blieb er sich treu, auch wenn andere ihm das absprachen. Er glaubte an die Vernunft, die man ja von ihm in seiner Funktion und Verantwortung als Vorsitzender des Vorstands auch zu recht erwartete, sowie an die diesbezügliche Einsicht der Medien.

Das aber war auch sein Problem.

Gastautor Ulrich Sollmann.
Gastautor Ulrich Sollmann.Foto: Marc Steffen Unger

Dr. Kemper hatte begonnen - und dies war ihm nicht bewusst - an sich selbst zu zweifeln. Tief im Innern verletzten ihn die Vorwürfe. Die Medienkampagne hatte sein Selbst-Gefühl beschädigt. Der Verlust von gefühltem Selbstwert im Unterschied zum im Handeln ausgedrückten Selbstwert ging einher mit schleichenden subtilen Selbstzweifeln.

Dies konnte ihm auch nicht bewusst werden, war er sich doch selbst treu geblieben und hatte in seinen eigenen Augen richtig gehandelt. Gehandelt so wie immer. So gehandelt, wie man es von einem Topmanager erwartet, ökonomisch und menschlich.

In unserem ersten Gespräch hatte mich Dr. Kemper gefragt: „Was raten Sie mir?“. Drei Minuten, nachdem ich sein funktional und doch bescheiden eingerichtetes Büro betreten hatte. Er hatte mir noch nicht von seinen Nöten berichtet, da hörte ich schon diesen leisen, leicht zurückgenommenen, unsicheren Unterton. Verpackt zunächst noch in eine funktional ausgerichtete Frage, in der Hoffnung auf eine vernünftige Antwort. In der Hoffnung auf eine funktionale Lösung. So wie man es von einem Topmanager erwartet.

Aber das war sein Problem.

Sehen Sie hier eine Bilderstrecke zur Karriere des Josef Ackermann:

Der Polarisierer Josef Ackermann
Nur wenigen gelingt es, sich zum pars pro toto zu machen. Der Schweizer Josef Ackermann hat in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank große Erfolge gefeiert und für viel Furor gesorgt. Kaum einer wirkte so polarisierend in Politik und Gesellschaft wie er. Einer ganzen Branche hat er seinen Namen gegeben: Ackermänner. Jetzt tritt er ab. Eine Ära endet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: dapd
31.05.2012 17:55Nur wenigen gelingt es, sich zum pars pro toto zu machen. Der Schweizer Josef Ackermann hat in seiner Zeit als...

Wie sollte ich eine Antwort geben, wenn ich noch gar nicht genau wusste, worum es ging? Wie sollte ich Lösungen entwerfen, gemeinsam mit ihm erarbeiten, wenn ich noch dabei war, mir überhaupt ein Bild von den Problemen, vor allem von ihm als Person und seiner besonderen Situation zu machen? Wir kannten uns seit einigen Minuten. Wir waren uns daher noch fremd. Wie hätte ich mir somit anmaßen dürfen, ihm zu diesem Zeitpunkt schon überhaupt einen Rat zu geben? Einen Rat für ihn in seiner Rolle als Vorstand. - Einen Rat, der auch ihm als Person gerecht werden konnte.

Ich war überzeugt, ihm zu diesem Zeitpunkt keinen Rat geben zu dürfen. Musste ich ihm doch in seiner Rollenerwartung gerecht werden. Denn das kann man von mir als Berater erwarten. Und ihn jedoch als Person auch schützen.

Ich musste ihm in seiner Not als Person begegnen, ohne bei ihm das Gefühl von Entblößung und Scham zu wecken. Was da hieß, ohne große Vorrede ihm dies unmissverständlich zu spiegeln. Und seine Erwartung hinsichtlich einer ihm sonst so vertrauten Beratung zu enttäuschen. Um ihn stattdessen zu unterstützen, wieder an sich selbst glauben zu können. An sich als Mensch. Allein in der Absicht, selbst wieder Zutrauen zur Quelle des eigenen Selbstwertgefühls zu bekommen. In der Hoffnung, sich gegen entwertende, gesellschaftliche Projektionen schützen zu können.

Um dann persönlich gestärkt: kritisch, selbstkritisch, nämlich so wie immer, sich für das wirtschaftliche und menschliche Wohl des Unternehmens einzusetzen. Was da heißt, auch funktionale Lösungen zu entwickeln. Was da heißt, auch Kritik einzustecken. Was da auch heißt, dass alle Beteiligten ihr Gesicht wahren können.

Kontakt zum Autor: info@sollmann-online.de

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