Meinung : Der letzte Europäer

Tony Blair ist unter Druck – aber der Einzige, der Bush zurück in die UN bringen kann

Matthias Thibaut

Die ersten britischen Soldaten sind aus dem Irak heimgekehrt. Zehn in den Union Jack gehüllte Särge und eine jener kargen Gedenkstunden, mit denen die Briten so viel Erfahrung haben. Bängliche Naturen fragen sich nun, ob der Duke of York sich auch dann die Zeit für solche Trauerstunden nimmt, wenn die Sarg-Heimkehrer in den nächsten Wochen mehr werden.

Noch scheinen solche Opfer die Briten zu einen. 84 Prozent glauben, der Krieg müsse trotz aller Schwierigkeiten fortgesetzt werden, bis die Ziele erreicht sind. Ganz so, wie wir das von den Briten erwarten. Zähigkeit und „stiff upper lipp" – steife Oberlippe.

Heldenstimmung jedoch, Hurrapatriotismus gar will nicht aufkommen. Der Krieg hat auch bei den Briten zu einer mit Händen greifbaren Unsicherheit geführt. Wo sind die Blumensträuße jubelnder Iraker, wo Saddams meuternde Armeen? Die moralische Rechtfertigung, mit der Tony Blair in den letzten Wochen vor dem Krieg noch viele überzeugte – angesichts der Toten von Bagdad wirkt sie plötzlich schal und unglaubwürdig.

Zwei Soldaten der 16. Air Assault Brigade sind unter ganz anderen Umständen heimgekehrt: nicht in Särgen, sondern weil sie nicht an einem Krieg teilnehmen wollten, bei dem unschuldige Zivilisten getötet werden.

Auch der Wortführer der britischen Dissidenten hat nun mit der Konvention der nationalen Solidarität in Kriegszeiten gebrochen. Er habe genug von diesem blutigen und unnötigen Krieg, schimpfte Robin Cook, Ex-Außenminister und kürzlich zurückgetreten von seiner Funktion als Parlamentsminister. Er fordert Tony Blair auf, die britischen Soldaten unverzüglich nach Hause zurückzubeordern. Vielen in der Labour Party, in Großbritannien und in Europa wird Cook aus dem Herzen gesprochen haben. Ungläubig sehen sie, in welchen Krieg Blair sich an der Seite der amerikanischen Rechten verwickelt. Zeitungskommentatoren erläutern in ernst gemeinten Analysen, dass Blair ein Opfer von Größenwahn und Wirklichkeitsverlust geworden sei.

Aber gibt nicht Cooks provozierende Naivität angesichts der britischen Särge noch mehr zu denken als der Irrsinn Tony Blairs? Was wären die Folgen, wenn die Briten nach elf Kriegstagen vor Saddam Hussein kapitulieren? Der Diktator gestärkt und mit ihm alle anderen totalitären Regime und extremistischen Kräfte, denen dieser Krieg Grenzen zeigen soll. Die Amerikaner sich selbst und ihren imperialistischen Instinkten überlassen. Der geopolitische Zusammenhalt des Westens, die Einheit der demokratischen Welt mit ihren gemeinsamen wirtschaftlichen und ideologischen Interessen vollends zerstört.

Schon jetzt hängt dieser Zusammenhalt nur noch an einem seidenen Fädchen namens Tony Blair. Europas pazifistische Diplomatie hat den Krieg nicht verhindert, aber in Washington tiefe Wunden geschlagen. Vielleicht sind die Briten in dieser Waffenbrüderschaft unwiederbringlich für ein Europa verloren, das sich mehr und mehr wie ein Feind der Amerikaner aufführt. Vielleicht sind Blairs Hoffnungen, in der EU noch einmal als einflussreicher Partner mitreden zu dürfen, zunichte gemacht. Vielleicht verblendet ihn der Optimismus, mit dem er vergangene Woche noch einmal als Botschafter des Multilateralismus nach Camp David reiste und auf eine Rolle der UN im Nachkriegsirak und eine entschlossene Initiative im Palästinakonflikt drängte.

Doch gibt es noch eine Alternative? Mit zusammengebissenen Zähnen muss Europa einräumen: Auch nach Kriegsbeginn ist Blair mehr denn je der Botschafter derer, die den Westen nach diesem Krieg noch einmal zusammenflicken wollen. Die Grundlage des Einflusses jedoch, den er in Washington hat, ist der britische Kriegsbeitrag. Dieser Drahtseilakt wird jedoch desto schwieriger, je mehr britische Soldaten in Särgen zurückkehren. Je mehr Soldaten sterben und je teurer der Krieg wird, desto weniger wird Amerika bereit sein, den UN ein Mitspracherecht im Nachkriegsirak einzuräumen und lukrative Verträge für den Wiederaufbau an Länder abzutreten, die die Solidarität verweigerten. Schon gar nicht, wenn das mit besserwisserischem Hohn geschah.

„Alle sollte sich fragen, wem sie eigentlich den Sieg wünschen", fordert der britische Innenminister David Blunkett. Er meinte nicht nur Robin Cook, sondern alle Europäer. Frankreichs Außenminister de Villepin weigerte sich letzte Woche in London, die Frage zu beantworten. Blair kann nur hoffen, dass Chirac keine Zweifel daran lässt, wen er als Sieger in diesem Konflikt sehen will. Kanzler Schröder immerhin hat klargestellt, dass er Bush und Blair den Sieg wünscht – möglichst rasch, mit möglichst wenig Opfern.

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