Meinung : Der Maler und die Moral

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Niemand weiß, was er tut, wenn er den eigenen Tod vor Augen hat. Sicher ist, dass der Maler Jörg Immendorff an einer unheilbaren Nervenkrankheit leidet. Sicher ist, dass ihn die Gewissheit, bald sterben zu müssen, bereits früher hat ethische und juristische Grenzen überschreiten lassen. Nun hat er es wieder getan – diesmal ging es nicht um Kokain und Prostitution. Immendorff hat sich, so sagt er, in China Zellen von abgetriebenen Föten ins Gehirn spritzen lassen. Seitdem gehe es ihm besser. Wieder hat er eine Grenze überschritten – eine, die den Kern unserer Zivilisation betrifft. Er hat in dem Versuch, seine eigene körperliche Integrität vor dem Zerfall zu bewahren, die Tötung anderer im Nachhinein sanktioniert. Er hat die verschiedenen kulturellen Maßstäbe, mit denen in China und Europa der Wert des einzelnen Leben gemessen wird, benutzt, um sein eigenes einzelnes verzweifeltes Leben zu retten. Damit muss er leben.uwe

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