Meinung : Der Marsch der Zapatisten: Globalisierung den Hütten

Armin Lehmann

Revolution verkehrt: Die Guerilleros legen ihre Waffen ab und begeben sich auf einen Marsch in die Hauptstadt. Und das Staatsoberhaupt begrüßt den Protestzug der indigenen Bevölkerung in Mexiko City als "Marsch für den Frieden". Das hat es in Lateinamerika noch nicht gegeben.

Aber stehen die Bilder aus Mexiko wirklich für eine neue Epoche? Oder hat die Regierung nur eine geschicktere, fernsehgerechte Methode entwickelt, um den Kampf der unterdrückten Landbevölkerung für ihre Rechte ins Leere laufen zu lassen? Der Zug der Zapatisten, die auf ihrem Weg seit Tagen von Tausenden auf den Straßen umjubelt werden, ist mehr als Politfolklore. Mexiko hat einen neuen Präsidenten, Vicente Fox. Ihm geht es nicht in erster Linie um Kalkül: um eine kluge Umarmungsstrategie, weil die seiner Popularität mehr nützt als neue Konfrontation mit den Aufständischen aus dem Süden des Landes.

Vicente Fox möchte Mexiko eine soziale Befriedung bringen, einen inneren Ausgleich zwischen Arm und Reich, wie er bisher in keinem mittelamerikanischen Land möglich erschien. Der Marsch der Zapatisten ist ein Testfall: Ob sich die soziale Kluft verringern lässt? Wie weit nach der Modernisierung der Wirtschaft auch die politische Modernisierung in Mexiko gehen kann? Und ob sich daraus ein Vorbild für ganz Lateinamerika entwickeln lässt?

Mexiko ist ein ökonomisch erfolgreiches Land. Die Börsenchrashs, die Asienkrise und die darauf folgenden Turbulenzen hat die Wirtschaft relativ gut überstanden. Beim Amtsantritt von Fox im letzten Jahr erreichte das Wachstum sieben Prozent, so dass die Experten schon vor einer Überhitzung warnten. Anfang dieses Jahres lag die offizielle Arbeitslosenquote bei zwei Prozent.

Doch es profitiert vor allem der reiche Norden Mexikos. Im Süden, der Region der Zapatisten, gibt es keine Industrie und keine Arbeit. Dort lebt der überwiegende Teil der insgesamt 30 Indio-Nationen Mexikos. Ihre Angehörigen sind arm, haben meist keine Ausbildung. Sie sind die klassischen Verlierer der Globalisierung. Man muss in Subcomandante Marcos, dem Anführer der Zapatisten, nicht den legitimen Vertreter dieser Menschen sehen. Aber seiner politischen Forderung lässt sich schwer widersprechen: Der Süden muss ökonomisch Anschluss finden.

Das war auch stets die Position der Europäischen Union in den Verhandlungen über engere Handelsbeziehungen mit Mexiko, das der nordamerikanischen Freihandelszone Nafta angehört, oder mit dem südamerikanischen Wirtschaftsverbund Mercosur: Die Modernisierung der Ökonomie muss einhergehen mit der Bekämpfung von Armut, dem Ausbau der Bildungseinrichtungen, der Achtung der Menschenrechte. In Vicente Fox hat die EU endlich einen Ansprechpartner mit offenem Ohr für diesen Ansatz.

Deshalb hat auch der neue US-Präsident Bush Mexiko als Ziel seiner ersten Auslandsreise gewählt: das bevölkerungsreichste spanischsprachige Land in Lateinamerika, Handelspartner Nummer zwei für die USA nach Kanada, das Schlüsselland für den Kontinent im Süden der USA - und das Ziel einer Freihandelszone von Alaska bis nach Feuerland. Die EU und die USA sind da einerseits Konkurrenten bei der Bildung von Freihandelszonen, andererseits Verbündete bei der Modernisierung Mexikos. Für Fox eine angenehme Lage. Sein Land wird gebraucht: als Wirtschaftsmotor, als Vorbild. Mit einem gezielten Aufbauprogramm für den Süden - dort lebt nur ein Viertel der Mexikaner - ließe sich ein schneller, sichtbarer Fortschritt erzielen. Zugleich wäre das eine Investition in den inneren Frieden mit den Zapatisten - was wiederum weitere Wirtschaftserfolge erleichtert.

Revolution verkehrt? Im Gegenteil: Mexiko kann ein Signal setzen, dass die viel gescholtene Globalisierung und die Öffnung der Schwellenländer für den Weltmarkt nicht auf Kosten der sozial Benachteiligten gehen muss. Eine solche friedliche Revolution nützt den Ärmsten.

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