Meinung : Der Maurer der Erinnerung

Thomas Flierl legt ein „Gedenkkonzept“ vor und bleibt viele Antworten schuldig

Werner van Bebber

Wie alle Idealisten sucht sich auch Thomas Flierl, Berlins Kultursenator von der PDS, in der Geschichte die schönen Stellen und die schönen Gestalten aus, um Geschichtspolitik zu machen. So kam die Hauptstadt zu einem Denkmalsockel für Karl Liebknecht. Und so kommt sie zu einem vierten Ort der Erinnerung an Rosa Luxemburg, zusätzlich zum Mahnmal im Tiergarten, dem nach ihr benannten Platz und der Rosa-Luxemburg-Straße in Mitte.

Die Mauer hingegen schmerzt einen Idealisten wie Flierl noch in abgerissenem Zustand. Kein Wunder, dass ein Anstoß von außen nötig war, bis der Senator ein „Gedenkkonzept Berliner Mauer“ vorlegte. Die umstrittene und streitlustige Privatmuseumschefin Alexandra Hildebrandt hat mit ihrer Installation der 1000 Kreuze und der nachgeahmten Mauer am Checkpoint Charlie gezeigt, was der Stadt fehlt: ein auch den nur kurzfristig interessierten Touristen zugänglicher Ort emotionalen Gedenkens an eine der brutalsten Grenzen der Geschichte. Und – damit zusammenhängend – ein System von Wegweisern, das interessierteren Reisenden zeigt, was es im Zusammenhang mit der geteilten Stadt noch zu sehen gibt. Berlin, das haben nach den Tourismusmanagern auch die Politiker begriffen, lebt von der Geschichte, und zwar von Geschichte in leicht zu konsumierender Darreichungsform.

Da hat die Stadt ein Defizit, das nicht dem Kultursenator zuzuschreiben ist. Flierl schreibt in seinem 25-Seiten-Papier, die Stadt habe die Mauer in den frühen 90er Jahren eben nicht mehr haben wollen. „So schnell wie möglich“ sollte die Mauer weg. Jetzt aber steht der Kultursenator vor einem Dilemma: Die Mauer soll wieder erstehen, wenigstens auf ein paar Metern, damit auch ganz junge Leute sehen, wie diese Grenze funktioniert hat. Sie soll aber nicht schrecklich sein und die nicht verletzen, die unter ihr gelitten haben.

Das Dilemma ist nur schwer zu lösen. Der Kultursenator aber hat es nicht einmal versucht. Das, immerhin, lehrt sein Papier. Flierls Berührungsangst zeigt sich in einigen Passagen seines Textes. Gewiss – die Mauer ist für ihn zumindest in der am Montagabend vorgestellten Version seines Textes konstitutiver Bestandteil eines „autokratisch-kommunistischen Gesellschaftssystems“ – das las sich in früheren Versionen milder, deutlich PDS-kompatibler. Nicht einmal ein PDS-Senator muss, bevor er das Wort „Mauer“ in den Mund nimmt, Walter Ulbricht und Erich Honecker verdammen. Aber Flierl tat sich bei der Vorstellung des Papiers seltsam leicht mit Schuldzuweisungen dafür, dass am Checkpoint Charlie authentisches Gedenken nicht mehr möglich ist. Er gestatte sich die Polemik, sagte er, und erinnerte daran, dass ein CDU-Senat die Grundstücke verkauft hat, die man heute für eine Gedenkstätte brauchen könnte. Als hätte die PDS damals darauf hingewiesen, man werde noch Mauerteile brauchen, um wahrhaft an das Grauen der Grenze zu erinnern. Das ist flache Polemik, wo neue Ideen gefragt sind.

Und das, obwohl Flierl eine große Frage ängstlich meidet – die Frage nach der Zulässigkeit einer Mauer-Rekonstruktion. Er schlägt vor, was nahe liegt: dass diese Orte vom Dokumentationszentrum bis zur Eastside-Gallery (die eigentlich in das Konzept nicht hineingehört) durch Hinweise und virtuell vernetzt werden. Er deutet neue Möglichkeiten des Gedenkens am Tränenpalast oder am Brandenburger Tor an. Er will sogar dem privaten Museum am Checkpoint Charlie durch einen „Ort der Dokumentation“ Konkurrenz machen.

Doch die Frage, warum die geschichtsklitternde Installation der Alexandra Hildebrandt die Leute viel stärker angesprochen hat als das, was die Stadt offiziell an Gedenkorten bietet, ist ohne Antwort geblieben. Als stünde Flierls Papier unter der Überschrift: „So genau wollen wir es gar nicht mehr wissen.“ Die Antwort auf diese Frage müssen mutigere Geister geben als Thomas Flierl.

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