Meinung : Der Mensch ist entziffert: Aber ein Rätsel bleibt

Am Anfang war das Wort. Das steht schon in der Bibel, und es gilt auch für die Biologie. Denn das Leben bedient sich einer Sprache, hat Buchstaben und Silben, seine Wörter, Sätze und Texte. Nur vier verschiedene chemische Buchstaben benötigt die Natur dabei, um mit ihrer Hilfe das ganze Universum des Lebens zu erschaffen. Die Sprache des Lebens, chemisch gespeichert in der Erbinformation DNS, ist universal. Vom Wiesengras bis zum Mammutbaum, von der Fliege bis zum Elefanten, von der Maus bis zum Menschen - alle Lebewesen bedienen sich der Gene, um am Leben zu bleiben und sich zu vermehren.

Jetzt ist, nach Fruchtfliege, Reispflanze und Maus, nach Dutzenden von Bakterien und Hunderten von Viren, auch das komplette Erbgut des Menschen, sein Genom, veröffentlicht worden: drei Milliarden Buchstaben umfasst unser monumentales Buch des Lebens - eigentlich eine ganze Bücherei. Ohne Punkt und Komma, ein verräterisches Konglomerat von biologischen "Texten" aus ein paar Hundert Millionen Jahren Evolution. Und der verheißungsvolle Schlüssel zu einer ganzen Schatzkammer voller neuartiger Medikamente.

Zwar ist der erste Lektüreeindruck eher ernüchternd. Schätzungsweise 30 000 Erbmerkmale sind in unserem Genom verzeichnet, sagen uns die Erbgut-Forscher, die Schriftgelehrten im Jahrhundert der Biologie. Nicht, wie immer gedacht, stolze 100 000. Nur etwa doppelt soviel Gene, wie sie der Fadenwurm oder die Taufliege besitzt, und nur rund 300 Gene unterscheiden uns angeblich von der Maus. Noch dazu sind viele der genetischen Blaupausen in unserem Körper weitgehend baugleich mit denen des Hefepilzes, der Banane oder anderer wenig erhabener Lebewesen.

Aber der flüchtige Eindruck täuscht. Denn die Biologie hat dem Menschen die Krone der Schöpfung vom Haupt genommen - doch nur, um sie ihm danach wieder anzutragen. Die Biologie hat lernen müssen, dass es auf die bloße Zahl der Gene nicht ankommt. Diese Vorstellung war zu einfach, um wahr zu sein. Der Mensch lässt sich nicht auf seine 30 000 Gene reduzieren. Erst im Zusammenspiel mit anderen Erbmerkmalen, mit ihrer nächsten Umgebung und mit der Umwelt formen und erhalten die Gene den Organismus. Nichts wäre falscher als die zugegeben naheliegende Vorstellung, die Gene würden wie brave kleine Fließbandarbeiter den menschlichen Organismus Stück für Stück zusammenbauen und uns durch und durch und unwiderruflich prägen.

Wir sind keine Gen-Automaten. Leben gleicht eher einem subtilen Netzwerk, in dem eine schier unermessliche Zahl von Knoten über feine Nachrichtenkanäle miteinander verbunden und versponnen sind. So ist diese Stunde des Triumphes über die scheinbare Lesbarkeit des Menschen schon wieder ein Grund zur Bescheidenheit. Wir müssen lernen, dass wir noch immer ziemlich wenig über uns wissen. Der Mensch bleibt ein Rätsel. Nicht wir selbst, sondern nur unsere Erbinformation ist lesbar geworden - wenn auch noch lange nicht verstanden. "Das Wunder, wie die toten Chemikalien, die unseren genetischen Code bilden, den Höhenflug des menschlichen Geistes ermöglicht haben, sollte Dichter und Philosophen noch für Jahrtausende inspirieren", hat der Genom-Entzifferer Craig Venter gesagt.

Schon werden die nächsten Kapitel in der Wissenschaft vom Leben geschrieben. Die Genom-Entzifferung ist ein Meilenstein, von dem aus viele Straßen in die Zukunft führen. Die durchaus berechtigte Hoffnung auf neue Medikamente, auf Früherkennung schwerer Krankheiten und ihre maßgeschneiderte Therapie ist die stärkste Antriebskraft. Aber es gibt auch ernstzunehmende Befürchtungen. Menschen können nicht nur wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer politischen Ansichten, sondern in Zukunft auch aufgrund ihrer genetischen Ausstattung diskriminiert werden, etwa am Arbeitsplatz oder bei Abschluss von Versicherungen. Genetische Tests könnten nicht mehr der Abwehr von Krankheit und Leid, sondern einer Art Auslese dienen. Eine "schleichende Eugenik" befürchtet der deutsche Genforscher André Rosenthal. Es liegt an uns, wachsam auf solche Gefahren zu reagieren und mit dem Wissen aus dem Genom Nutzen aus ihm zu ziehen.

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