Meinung : Der mit der Bombe tanzt

Ahmadinedschad hat sein Atomprogramm islamisiert – nun gehört es zum Kulturkampf

Clemens Wergin

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad im O-Ton zu lesen, ist immer aufschlussreich. Egal, ob er einen 18-Seiten-Brief an George W. Bush schreibt oder dem „Spiegel“ ein sechsseitiges Interview gibt. Dort verdreht er munter die Fakten seines Atomprogramms, zweifelt wie stets den Holocaust an, sieht den Westen von einer zionistischen Meinungsmafia beherrscht und will den Deutschen ihren Schuldkomplex austreiben. Es ist kein Wunder, dass unsere Neonazis Ahmadinedschad zur WM willkommen heißen. Mit seinen Thesen ist er problemlos anschlussfähig an die hiesige Szene.

Ahmadinedschad ist Fußball- Fan, weil er selbst Fußball gespielt hat. „Flink, wendig und listig“ sei er dabei gewesen, wie seine damaligen Kumpel der „Welt“ erzählten. Flink, wendig und listig ist er auch als Präsident. Er weiß genau, dass seine Thesen bei vielen Muslimen gut ankommen. Der zionistisch beherrschte Westen will Dominanz über die islamische Welt ausüben – so lautet ein verbreitetes nahöstliches Klischee. Zudem wird ein Mangel an Gerechtigkeit in der internationalen Politik beklagt und fehlender Respekt gegenüber der islamischen Welt. Ein Muster, das Ahmadinedschad auf die Bombe anwendet: Warum sollen wir nicht dürfen, was andere in der Welt längst tun?

Wie sehr Ahmadinedschads Thesen in der Region verfangen, hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier gerade bei seiner Golfreise erlebt. Obwohl die Golfstaaten die größte Angst vor einem nuklear aufgerüsteten Iran haben müssten, mochten sich die Scheichs doch nicht öffentlich der Koalition anschließen, die diplomatischen Druck auf Teheran ausübt. Irans Nuklearprogramm soll in den Dienst der muslimischen Welt gestellt werden im Kulturkampf mit dem Westen – das hat Ahmadinedschad immer wieder verkündet. Deshalb tun sich die Autokraten in der Region schwer, sich mit den „Ungläubigen“ gegen Irans „islamische Bombe“ zu verbünden – selbst wenn der Westen ihre ureigensten Interessen vertritt.

Ahmadinedschad ist ein intelligenter Demagoge – und das macht ihn so gefährlich. Liberale Demokratien tun sich mit solchen ideologischen Lautsprechern naturgemäß schwer. Aber letztlich gibt es keine Alternativen zum bisherigen Kurs: Beharrliche Überzeugungsarbeit leisten; Russen und Chinesen zu mehr Druck im UN-Sicherheitsrat nötigen und wenn nötig als Blockierer bloßstellen; aufsteigende Staaten wie Indien oder Brasilien ins Boot holen. Und dann hoffen, dass der Druck von Politik – oder späteren Sanktionen – ausreicht.

Gerade die Deutschen sind immer schnell dabei, die westliche Führungsmacht USA zu kritisieren, wenn in der Welt etwas schief läuft. In der Iranfrage gehören sie nun selbst zu den maßgeblichen Akteuren – und erfahren, dass zuweilen auch größter Einsatz und viel guter Wille nicht weiterhelfen. Weil Irans Raketen bald auch größere Teile Europas bedrohen und Deutschland einer der wichtigsten Handelspartner Irans ist, ist es richtig, dass Berlin sich intensiv diplomatisch engagiert. Weil Ahmadinedschad ein Apokalyptiker ist und Israel mit Auslöschung droht, können wir uns auch in Zukunft nicht aus dieser Verantwortung stehlen.

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