Meinung : Der Muff der 30 fetten Jahre

Von Rudolf Balmer

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Von außen betrachtet handelt es sich um eine typisch französische Krise. Hinter dem Mythos der Revolutionen der Vergangenheit verbirgt sich ein erzkonservatives Land, das sich aus Angst vor Veränderung an den Status quo klammert. Eine Regierung, die , vielleicht gerade aus Angst vor den Reaktionen, besonders ungeschickt am französischen Sozialmodell herumflickt, muss sich über solch eine handfeste Revolte nicht wundern. Wenn sich vor der Sorbonne im Quartier latin CRS-Polizisten und Studenten raufen, ist der Vergleich mit den Studentenunruhen vom Mai 1968 schnell zur Hand. Doch im März 2006 nähren nicht Utopien von einer schöneren Welt die Radikalität, sondern die Angst vor dem unaufhaltsamen Niedergang und die Frustration über eine wachsende Ohnmacht. Die demonstrierenden Jungen träumen nicht einmal mehr von einer besseren Zukunft, sie wären schon froh, wenn es ihnen morgen nicht schlechter ginge als ihren Eltern heute.

Die Schüler und Studenten auf den Barrikaden wissen oder ahnen, dass sie morgen alte Rechnungen zu begleichen haben. Frankreich hat sich nur sehr widerstrebend den Veränderungen der Globalisierung angepasst. Politiker und Gewerkschaften nähren bis heute die Illusion, dass es in ihrem Land wie in den „30 Glorreichen“, den fetten Jahren der Hochkonjunktur, weiter aufwärts gehen könne. Die Realität ist eine ganz andere: Der Graben wächst zwischen den Privilegierten, die ihren Platz an der Sonne frühzeitig reserviert haben, und den Nachgeborenen, denen nur noch unsichere, „prekäre“ Aussichten winken. Die Jungen in den Vorstädten wissen, dass sie bereits draußen vor der Tür stehen. Ihr brutaler Wutausbruch im November hat an ihren Perspektiven nichts geändert. Nun rebellieren auch die Kinder des Mittelstands gegen eine verbaute Zukunft. Der Soziologe François Dubet sieht darin „ein Nachbeben in den Mittelschichten“ nach der Erschütterung in der Banlieue. Die soziale Trennlinie teilt nicht mehr nur die wohlhabenden Zentren von den Ghettos, sie geht durch Sozial- und Alterskategorien hindurch. Frankreichs angehende Akademiker fühlen sich doppelt um ihre Zukunft betrogen. Sie erben die staatlichen Schulden und Probleme, die sich wegen des „Laisser-aller“ akkumulieren. Sie wissen zudem, dass für einen wachsenden Teil von ihnen die Anstrengungen des Studiums praktisch umsonst waren. Einer von zwei wird nach dem Diplom (bestenfalls) eine Stelle finden, die mit seiner Qualifikation nichts zu tun hat.

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