Meinung : Der Null-Bock-Blues

Wer glaubt, die Auswanderung sei ein Generationenthema, irrt gewaltig

Elisabeth Binder

Es gibt gute Gründe, warum einer auswandern will. Die USA waren lange ein Lieblingsauswanderungsland für Deutsche, weil sie den Mythos von Freiheit verkörperten, eine endlose Vielfalt von Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten. Ein ganz gravierender Vorzug, den die Amerikaner den Deutschen voraushaben, fällt dabei sogar meist unter den Tisch. Sie müssen nicht in einer Neidgesellschaft leben.

Neid zählt nicht umsonst zu den schlimmsten sieben Lastern, weil er positives Denken hemmt und der Zuversicht im Wege steht, die nötig ist, Probleme zu lösen und Dinge weiterzuentwickeln. Im alten Europa und ganz besonders in Deutschland spielt man sich gern gegenseitig aus. Die Alten klagen über die Jungen, was Unsinn ist. Denn dass sich unsere Lebensverhältnisse seit den Tagen der Neandertaler insgesamt doch recht erfreulich entwickelt haben, liegt unter anderem auch daran, dass die jüngeren Generationen meist besser sind als die älteren.

Alt ist auch die Klage der Jüngeren, dass die Älteren ihnen im Wege stehen. Jede Generation sieht sich mit neuen Herausforderungen konfrontiert, und es gehört wohl zur menschlichen Natur, dass man irgendwann in jungen Jahren den No-Future-Blues durchmacht. Die heute 30-jährigen lamentieren, dass schlechtere Einkommenschancen und die ewigen Praktika die besseren von ihnen ins Ausland treiben.

Die ergrauende Generation der Babyboomer hört da unnötig wehleidige Zwischentöne. Denn auch in den angeblich so goldenen 80er Jahren war die Welt nicht in Rosa getaucht. Die damals Jungen mussten ebenfalls schon ganz viel Vorleistung zeigen, um an einen guten Job heranzukommen. Im Grunde ist dies sogar die verratene Generation, der man lange vorgegaukelt hat, die Systeme seien sicher, die zum Beispiel mangels entsprechender Vorwarnungen nicht rechtzeitig begonnen hat, private Altersvorsorge zu betreiben. Es ist die erste Generation, die bei schwindenden Renten unter Umständen auch noch für die pflegebedürftigen Eltern finanziell einstehen muss. Außerdem ist es die Generation, die die Wiedervereinigung schultern musste, was im Westen nur die Konten betraf, im Osten aber das ganze Leben völlig umgekrempelt hat.

Wenn man davon absieht, dass es in jeder Generation Leistungsträger gibt, die unter maximalem persönlichen Einsatz hohe Erträge auch für die Allgemeinheit erwirtschaften und Schnorrer, die möglichst viel abzocken, ohne sich anstrengen zu wollen, verläuft der Graben also nicht zwischen Alt und Jung. Sondern zwischen denen, die Lust auf Leistung und auf dieses Land haben und denen, die in den vielfältig vorhandenen Hängematten ihre Null-Bock-Mentalität pflegen. Es muss vieles verbessert werden, keine Frage. Es kann und sollte aber auch Lust bereiten, solche Aufgaben in Angriff zu nehmen. Die erstickende Bürokratie ist für viele ein Abwanderungsgrund. Aber auch da bewegt sich langsam was. Es wird sich noch mehr bewegen. Die Globalisierung wird sowieso zu mehr Vermischung führen. Davor muss man keine Angst haben. Viele einst unlösbar scheinende Probleme haben Menschen mit neuen Erfindungen überwunden.

Neben Neid sind Angst und Kleinmut die Lieblingslaster der Deutschen. Es wäre sicher eine gute Herausforderung für jüngere Generationen, solche Bremsklötze hinter sich zu lassen. Wenn die erst mal überwunden sind, wird es auch deutlich weniger Gründe zum Auswandern geben.

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