Meinung : Der Osten baut an seiner Zukunft

Die beste Hilfe für die neuen Länder: Nicht alles schlecht reden Von Gesine Schwan

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Als ich im Sommer 1999 zum ersten Mal mit dem Regionalexpress von Berlin nach Frankfurt (Oder) fuhr, kam mir dort alles ziemlich fremd vor: die Menschen, die Stadt, die Lebensweise. Dennoch habe ich mich sehr schnell entschieden, das Präsidentenamt an der EuropaUniversität Viadrina anzunehmen, und ich habe diesen Entschluss keine Minute bereut. Im Gegenteil: Das Interesse und die Offenheit, mit der mich die Menschen in der Universität und in der Stadt empfingen, haben mich binnen kürzester Zeit heimisch werden lassen. Dabei stimmte mich nicht nur die Art des Umgangs miteinander froh, auch die Arbeitsbereitschaft der Mitarbeiter versetzte mich immer wieder in Erstaunen. Ich denke zum Beispiel an meine ungemein tüchtige Sekretärin Sylvia Hauer, aber auch an viele andere Mitarbeiter an der Universität und in der Stadt.

Und all das soll jetzt nichts zählen? Geradezu verwundert reibt man sich die Augen vor einem neuerdings kolportierten Bild Ostdeutschlands, in dem es nur Investitionsruinen, Versagen oder Fehlschläge gibt, ärgerlich wird man, wenn die Ostdeutschen de facto als Schmarotzer der Wessis erscheinen, weil sie nur konsumieren und nichts schaffen oder zurückgeben. Alle Politiker und Regierungen – egal welcher Couleur – erscheinen im Licht der aktuellen Debatte als tapsige Anfänger, die mal eben ohne Plan und Konzept über eintausend Milliarden Euro in den märkischen Sand oder in sächsischen Dörfern versenkt haben sollen. Diese aktuelle Kritik erscheint mir doch arg verkürzt.

Die wirtschaftspolitischen Werkzeuge, die von selbst ernannten und echten Experten vorgeschlagen werden, sind ja keinesfalls neu. Es ist berechtigt und kontinuierlich geraten, das bislang Erreichte und die eingesetzten Instrumente auf den Prüfstand zu stellen – Erfolge und Methoden aber pauschal zu verwerfen, ist nicht nur ungerecht, sondern auch dumm. Natürlich brauchen wir neue Impulse beim Aufbau Ost. Wahrscheinlich müssen wir strikter bei der Förderung dort ansetzen, wo schon eigene Initiativen und Ressourcen sind, also „Wachstumskerne“ bestimmen. Aber wollen wir deshalb der weit überwiegenden Mehrheit der Ostdeutschen außerhalb der Wachstumskerne sagen, dass für sie vor Ort keine Zukunft besteht? Es kann doch nur um eine Akzentverschiebung, nicht um einen Paradigmenwechsel gehen.

Vor allem aber sollten wir aufhören, die bisherigen Leistungen – die Umwelt wurde entgiftet, Infrastruktur aufgebaut – klein zu reden. Woher Mut und Initiative nehmen, wenn alles doch nur schlecht ausgeht? Das Engagement der Menschen ist die wichtigste Ressource des erhofften Aufschwungs. Es ist in Ostdeutschland, trotz der vielen Enttäuschungen, immer noch in bewundernswürdiger Menge vorhanden. Es muss auch nicht ganz schnell viel besser gehen. Aber der gegenwärtige Abwärtstrend muss gestoppt und in einen wenigstens leichten Aufwärtstrend verwandelt werden.

Es gibt gute Beispiele. Ich will nur drei aus meinem unmittelbaren Umfeld nennen: Eine Gesamtschule im Frankfurter Stadtteil Neuberesinchen hat ein Reformprogramm begonnen, das binnen kürzester Zeit Erfolge zeitigte. Schüler ohne Aussicht auf Abschluss gingen plötzlich gern zur Schule und suchten sich mit Erfolg Lehrstellen. Hier entstand Ermutigung, auch in den dazugehörigen Familien. Die Initiative ging neben der Schulleitung vor allem von Eltern, Schülern und Lehrern aus, die das Schicksal ihrer Schule selbst in die Hand nahmen.

Auch die Rückführung der wunderbaren Fenster der Frankfurter Marienkirche hat das Bürgerengagement der Frankfurter enorm gesteigert. Die restaurierte Kirche mit ihren bleigefassten Fenstern ist auch symbolisch zu einem Kristallisationspunkt für bürgerliches Selbstbewusstsein geworden. Die Stadt hat wieder einen Mittelstand, der mit Tatkraft und Initiative am Ausbau des Gemeinwesens arbeitet. In einigen Jahren werden Kirche und Marktplatz ein Anziehungspunkt für Touristen aus Berlin und anderswo sein.

In Beeskow haben sich zwei Unternehmen durch Investitionen im Nachbarland Polen konsolidiert. Ihre Strategie läuft darauf hinaus, die Vorteile der niedrigen Lohnkosten zu nutzen, neue Märkte zu erschließen, dort Kaufkraft zu stärken und mit einem Teil der Gewinne ihre deutschen Unternehmen mit Fantasie weiterzuentwickeln. So kann Ostdeutschland von der EU-Erweiterung profitieren.

Was ich mit diesen Beispielen sagen will: Nachhaltige Evaluation der bisherigen Wirtschaftspolitik, sorgfältige Unterstützung der Initiativen vor Ort und vor allem Stärkung von Bildung und Forschung, um Wettbewerbsfähigkeit durch intelligente Produkterneuerung zu stärken – damit wäre dem „Aufbau Ost“ mit Sicherheit mehr gedient als mit populistischen Parolen.

Die Autorin ist Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin.

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