Meinung : Der rechte Glaube

Amerikas Evangelikale und der Kampf ums Weiße Haus: Die Wahl fällt diesmal schwer

Christoph von Marschall

Ronald Reagan wäre ohne ihn nicht Präsident geworden. Ohne seine Bewegung säße George W. Bush nicht im Weißen Haus. Der Tod von Jerry Falwell gibt Amerika Anlass, über den Einfluss der religiösen Rechten nachzudenken. Ist er noch stark genug, damit die Republikaner die Wahl 2008 gewinnen?

Falwell hatte die Evangelikalen und andere Christlich-Konservative vor 30 Jahren zur politischen Bewegung geschmiedet, heute werden sie auf 60 bis 80 Millionen geschätzt, ein Viertel der Bevölkerung. Der Glaube war nicht mehr Privatsache, sondern Aktionsprogramm: Verteidigung von Ehe und Familie, Abwehr von Abtreibungsfreiheit und Homo-Ehe, die Bibel als Leitbild für den Schulunterricht. „Moralische Mehrheit“: Falwells 1979 gegründeter Interessenverband zeigte den Anspruch. Ein Jahr später war Reagan Präsident, als Vertreter der Rechten.

Aus der Bewegung sind Institutionen geworden. Heute sind die Evangelikalen fest in der amerikanischen Gesellschaft und Politik verankert. Sie haben Radio- und Fernsehsender, die 100 Millionen Menschen erreichen, eigene Schulen und Universitäten. In manche „Mega-Churches“ kommen sonntags 3000 bis 5000 Menschen.

Und 2008? Schaut man auf die Umfragen, scheint die Wahl entschieden. 50 Prozent der Bürger wollen einen Demokraten im Weißen Haus, nur 30 Prozent einen Republikaner. Die religiöse Rechte ist zudem enttäuscht. Was hat ihnen „ihr“ Präsident Bush gebracht? Zwei neue konservative Richter am Supreme Court und ein Veto gegen Bundesmittel für die Forschung mit embryonalen Stammzellen. Das Abtreibungsrecht ist weiterhin liberaler als in Europa, die Home-Ehe in vielen Staaten legal. Die Tochter von Vizepräsident Dick Cheney zieht ihr Baby in einer Lesbenehe groß. Die Stammzellforschung blüht auch ohne Bundesmittel. Bleiben sie zu Hause, ist die Wahl 2008 gelaufen. Mit ihnen aber kann aus dem 50 zu 30 ein 50 zu 50 werden.

Noch fehlt der religiösen Rechten der richtige Kandidat. Ihre Bewerber wie Sam Brownback (Kansas) oder Mike Huckabee (Arkansas) kommen in Umfragen nicht über wenige Prozent hinaus. Aussicht auf die republikanische Kandidatur haben bisher nur zwei liberale Republikaner: Rudy Giuliani, Ex-Bürgermeister von New York, und John McCain aus Arizona. Beide sind für Abtreibungsfreiheit und Waffenkontrolle, rote Tücher für die Rechte. Giuliani ist zudem dreifach geschieden. McCain beschimpfte Falwell einst als „Agenten der Intoleranz“. Doch alle wissen: Ohne die Evangelikalen sind die Republikaner chancenlos. McCain hat sich 2006 mit Falwell versöhnt. Giuliani rief ihm jetzt Lobgesänge nach.

Mag sein, aus heutiger Sicht hat die Rechte 2008 keine Chance. Aber selbst die will sie nutzen. Vielleicht tritt noch ein zugkräftiger Bewerber an. Sonst gilt die Strategie des kleineren Übels: Noch verhasster als ein „weicher“ Republikaner ist, zum Beispiel, Hillary Clinton bei der Rechten. Wer das „große Übel“ im Weißen Haus verhindern will, der soll notfalls für Giuliani stimmen oder McCain.

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