Meinung : Der Retter von Bagdad

Jacob Heilbrunn

Ob Wirtschaft oder Umwelt: Bush ist ein Meister der Täuschung. Seine Steuerkürzungen bedeuten in Wahrheit mehr Einnahmen für den Staat. Den Plan, die Urwälder zu roden, präsentiert er als Konzept, sie zu schützen. Bildungskürzungen sollen die Noten verbessern – und dergleichen mehr. In der Außenpolitik hingegen muss man sogar hoffen, dass Bush lügt. Denn das könnte bedeuten, dass er einen brillanten Täuschungsplan hat, um Saddam zu neutralisieren. Wie sonst lässt sich Bushs Geduld erklären – trotz seiner kriegerischen Rhetorik?

Der Präsident weiß, dass die Kriegsgegner in den USA immer stärker werden, je länger er den Krieg hinauszögert. Das Land ist gespalten: zwischen der West- und der Ostküste. In Europa gilt der westliche Teil als „alt“, der östliche als „neu“. In den USA ist es umgekehrt. Aber politisch stimmt die amerikanische mit der europäischen Landkarte überein: Die Westküste ist zunehmend gegen den Krieg, während die Ostküste eher dafür ist.

Der Gegensatz zwischen Washington und Los Angeles könnte deutlicher nicht sein. Washington wird zum Bunker. Die liberale „Washington Post“ fordert den Kopf von Saddam, während Flugzeuge im 24-Stunden-Takt über sie hinwegfliegen und Flugabwehrstellungen auf dem Einkaufszentrum aufgebaut werden. In Los Angeles besteht die größte Sorge darin, einen guten Platz bei der Oscar-Zeremonie zu ergattern. Während die Ostküste unter einem Schneesturm zittert, könnte das sonnige Los Angeles nicht weiter entfernt sein von der Panik und der Angst, die die Hauptstadt ergriffen hat.

In den letzten Wochen kamen Hunderttausende zu den Protestmärschen, Erinnerungen an den Vietnamkrieg werden wach. Die Demokraten im Kongress bezweifeln, dass die Regierung einen verlässlichen Nachkriegsplan für den Irak hat. Die Wirtschaft stagniert. Bushs Popularitätswerte sind zum ersten Mal in seiner Präsidentschaft unter 50 Prozent gesunken. Wer kann ihn noch retten? Sein größter Feind – Saddam Hussein.

Es sieht so aus, als könnte Saddams Feigheit Bush vor einem Krieg bewahren. Saddam gibt den Forderungen der UN nach. Er hatte die Rückkehr der Rüstungskontrolleure strikt abgelehnt – nun treiben sich die Inspekteure mit mehr Freiheiten im Irak herum als je zuvor. Saddam beharrte, er werde seine Raketen nie aufgeben. Nun willigt er ein, mit der Zerstörung zu beginnen. Hussein wird sein Blatt bis zum Ende ausreizen, aber so lange er mit der Aussicht auf eine Invasion konfrontiert ist, wird er vielleicht doch vor allen UN-Forderungen kapitulieren. Seine Haut zu retten bedeutet ihm mehr als seine Massenvernichtungswaffen.

Wenn jedoch Saddam Bush rettet, stellt das weder Tauben noch Falken zufrieden. Die Falken glauben, dass eine Irak-Invasion die Demokratie in den Nahen Osten bringt. Bush hat sich dieser Sicht am Mittwoch angeschlossen. Ob er das einlösen kann, ist offen. Auch für die Tauben würde Saddams Kapitulation ein Problem darstellen – das hieße, dass die Kriegsdrohung wirkt. Wenn Bush Abrüstung ohne Krieg erreicht, müsste man sagen: was für ein erfolgreicher Bluffer!

Der Autor ist Leitartikler der „Los Angeles Times“. Foto: privat

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben