Der S-Bahn-Mord : Wo Gewalt entsteht

Es war eine enthemmte Tat. Deshalb ist der Aufschrei verständlich. Doch rachsüchtige Rufe nach Härte führen nicht weiter. Emotionale Alphabetisierung kann helfen.

Caroline Fetscher

Als die Reue kam, war es zu spät für das Opfer. Nun sitze er heulend in seiner Zelle, der 18-jährige Markus, behauptet sein Anwalt. Dass der Jugendliche, zusammen mit einem Kumpan, schuld ist am Tod des 50-jährigen Geschäftsmannes, der in der Münchner S-Bahn Kinder vor der Brutalität der beiden Rowdys in Schutz nehmen wollte, das dämmert dem Täter offenbar inzwischen. Der verheerende Zustand des Toten beweise eine enthemmte Tat, berichten die Behörden. Zu den Reflexen der Republik zählen der verständliche Aufschrei, dem in Windeseile der Ruf nach Verschärfung des Jugendstrafrechts folgt. Länger und härter solle die Strafe sein, erschallt es jetzt wie immer. So einleuchtend die Reaktion ist, so wenig bringt sie voran. Denn im Kern ist sie hilflos und weist in die falsche Richtung.

Den neuesten Befund zum Thema haben wir vor Augen, eine im Frühjahr 2009 veröffentlichte Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, für die 44 610 Jugendliche zu ihren Erfahrungen als Opfer und Täter von Gewalt befragt wurden. Sie besagt, dass ein Viertel aller Jugendlichen Gewalt im Elternhaus erfährt. Die meisten geben das Erlebte weiter. Insgesamt sei Gewalt unter Jugendlichen rückläufig bis gleichbleibend, neben den Eltern spielen die Cliquen Gleichaltriger eine große Rolle. Stärker ausgeprägt ist die Kultur der Gewalt bei Familien mit ex-jugoslawischem, türkischem und afrikanischem Hintergrund, am wenigsten bei asiatischen Familien. Vor diesen rangieren die deutschen, Familien, wie die der Täter von München. In deren häusliches Milieu aus Zuschlagen und Alkohol hatten Behörden mehrfach eingegriffen. Als aber die Hilfsangebote kamen, hatten die Heranwachsenden von den Tätern zu Hause – Väter, Mütter, Stiefväter – bereits fürs Leben gelernt, nämlich dass Gewalt ohne Sinn und Sanktion ausgeübt werden kann.

Die niedersächsische Studie kommt zu dem Schluss, dass Bildungschancen sich präventiv auswirken. Ja. Daran besteht kein Zweifel. Aber welche Bildung, wie, ab welchem Alter? Fragt man Sozialarbeiter, wann Gewaltprävention einsetzen müsse, sagen heute viele: Bei der Hebamme! So früh, so absolut früh, wie irgend möglich. Überwältigend positive Erfahrungen macht man in Kanada, Neuseeland und den USA seit Jahren mit dem Projekt „Roots of Empathy“, das bereits bei kleinen Jungen und Mädchen wie deren Eltern für emotionale Alphabetisierung sorgt. Sie lernen im Kindergarten, Gesichtsausdrücke, Gesten, Gemütszustände zu lesen und in Worte zu übersetzen, in Gruppen beobachten sie die Körpersprache von Babys, sie erfahren, wie wichtig Zuwendung, Zärtlichkeit und Wertschätzung für die Reifung eines Menschen sind. So dramatisch sinkt der Grad an Aggressivität bei den Kindern, dass ein kanadischer Jugendrichter, der das Projekt unterstützt, erklärte, solche Früherziehung, flächendeckend, könne im Lauf der Zeit die Haftanstalten entvölkern.

Will der Appell solcher Gutmenschen den Ruf nach Härte, Strafe und Grenzen zum Verstummen bringen? Gewiss nicht. Emotionserziehung kann nur einer der Schritte sein, um dem Ziel des zitierten Richters nah zu kommen, das Generationen dauert. Ein anderes Vorbild bietet Skandinaviens Jugendhilfe und -strafrecht. Dort setzt man auf therapeutische Methoden, die Jugendliche zum systematischen Nachreifen bringen. Rachsüchtige Rufe nach Härte beweisen vor allem eins: Emotionale Alphabetisierung könnte der gesamten Gesellschaft guttun.

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