Meinung : „Der Schutz meiner Quellen ist mir heilig“

Marc Felix Serrao

Bruno Schirra steht gerade in Tel Aviv unter der Dusche, als der Anruf kommt. Am 12. September 2005, kurz nach acht, springt seine Mailbox an. Ein Anrufer teilt dem Journalisten, der gerade eine Sicherheitskonferenz in Israel besucht, mit, dass sein Haus in Deutschland gleich durchsucht wird. Schirra ruft seinen Anwalt an. Der erreicht zwar Schirras Frau in Berlin, doch auch die muss, als sie auf dem Grundstück eintrifft, hilflos mitansehen, wie 15 Kisten mit Rechercheunterlagen ihres Mannes weggeschafft werden.

Der Grund für die Aktion ist ein Artikel Schirras, der im April 2005 im Magazin „Cicero“ erschienen war; dessen Redaktionsräume durchkämmt die Polizei ebenfalls. In dem Porträt des Terroristen Abu Mussab al Sarkawi („Der gefährlichste Mann der Welt“) zitiert Schirra aus einem 127-seitigen „Auswertungsbericht“ des Bundeskriminalamtes (BKA) mit dem Vermerk „Verschlusssache (VS) – nur für den Dienstgebrauch“. Eine Geheimhaltungsstufe zwar, aber die niedrigste. Ermächtigt durch den damaligen Bundesinnenminister Otto Schily erstattet das BKA Strafanzeige. Die Staatsanwaltschaft Potsdam leitet darauf Ermittlungen gegen Schirra und „Cicero“-Chefredakteur Wolfram Weimer ein. Der Verdacht: Beihilfe zum Geheimnisverrat. Zum Strafprozess kommt es nicht. Das Landgericht Potsdam lehnt die Eröffnung des Verfahrens mangels hinreichenden Tatverdachts ab.

Dass Schirra im Fall „Cicero“ nichts vorzuwerfen ist, ist somit klar. Ob indes der Staat so reagieren durfte, wie er es tat, wird heute das Bundesverfassungsgericht entscheiden, wenn es sein Urteil über die zwei Verfassungsbeschwerden fällt, die der „Cicero“-Chefredakteur Wolfram Weimer gegen die Durchsuchung seiner Redaktion eingereicht hat.

In einem Interview hat Schirra, Jahrgang 1958, einmal gesagt, dass ihm der Schutz seiner Quellen „heilig“ sei. Das klingt großspurig, ist in diesem Fall aber glaubwürdig. Der Mann mit dem Bart, den er früher buschig trug und heute sauber trimmt, ist einer der bekanntesten investigativen Journalisten des Landes. Erst spät, mit Ende 30, besucht er die Evangelische Journalistenschule in Berlin. Einer, der ihn lange kennt, nennt ihn einen „persistenten Wühler“, der „eher schwer zu erreichen ist“. Den Iran, über den Schirra sein jüngstes Buch geschrieben hat, hat er zuvor 50 Mal bereist. Kollegen wie Sicherheitsexperten sagen übereinstimmend, dass der Mann sich auskennt.

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