Meinung : Der Sieg hat viele Väter…

…und eine Mutter. Doch Angela Merkel hat ähnliche Schwächen wie der Kanzler

Bernd Ulrich

Wehe den Besiegten! Wehe aber auch den Siegern! Denn die Zeiten sind nicht nach Zuckerschlecken, egal ob man gerade mal gewonnen oder verloren hat. Wehe also Angela Merkel! Nicht, weil Roland Koch so stark geworden ist. Er wurde ja nur ein halbes Prozentchen stärker als der gänzlich unkanzlerable Christian Wulff. Auch nicht, weil Koch im Bundesrat nun sehr mächtig wird. Sie bleibt schließlich Partei- und Fraktionsvorsitzende. Und auch nicht, weil ihr spezieller Freund Friedrich Merz gerade eine so gute Figur macht im Paarlauf mit Wolfgang Clement und als der einzige, der den Gewerkschaften endlich sagt, was zu sagen ist – dass nämlich nicht sie das Sagen haben, sondern der Bundestag. Er kann mit seinem scharfen, frischen Wirtschaftsliberalismus dennoch nie die ganze gute alte CDU vertreten.

Nein, Angela Merkel muss sich von ihren innerparteilichen Widersachern nicht mehr bedroht fühlen als sonst. Im Gegenteil. Sie, das vielleicht größte politische Timinggenie, die so eisern sein kann und so diszipliniert ist, sie wird nun wieder unterschätzt. Das bleibt eine ihrer schärfsten Waffen. Wenn sich die Siegerin Merkel nach diesen beiden Wahlen fürchten muss, dann deshalb, weil sie dem Mann ziemlich ähnlich ist, der am Sonntag so brutal abgestraft wurde: Gerhard Schröder.

Der Kanzler sank zumindest für diesen einen Tag auf seinen politischen Nullpunkt. Er ist kein Politiker, der das Volk in ein sinnvolles Gespräch über die Lage der Nation verwickeln kann. Er ist kein Visionär, der durch die Kraft seiner Ideen Menschen beeindruckt. Der Kanzler ist ein Zögerer, einer, der dann umso schneller Standpunkte wechselt, einer der ständig einen Konsensstreifen hinter sich her zieht. Dafür hat er ein Gefühl für Zeitpunkte, kann zupacken, kennt sein Volk – und es mag ihn. Genau diese Eigenschaften sind ihm derzeit abhanden gekommen.

Zaudernd, konsensselig, unprogrammatisch, vage sympathisch ist jedoch auch Angela Merkel. Und sie kann sich wohl kaum sicher sein, ob in Hessen und Niedersachsen nicht eben dieser Politikstil abgewählt worden ist, einfach weil er auf die Zeiten, die Probleme, die Umstände nicht mehr passt. Vielleicht werden die Politiker und die Politikerinnen, die so sind, so sehr Frucht einer wohlhabenden und wohlbehäbigen Konsensgesellschaft, ja demnächst abgewählt.

Oder, im Fall Merkel, befördert. Tatsächlich arbeitet sie selbst, wenn sie sich nicht ändert, nicht inhaltlich mutiger und klarer wird, an ihrer Verbundespräsidentung. Dafür, für diesen Posten des Mahnens und Repräsentierens, reichen die schwächeren, milderen Konturen, auch und gerade in sonst harten Zeiten. Für die Sphäre der Entscheidungen nicht.

Natürlich spürt Angela Merkel das bereits. In der Außenpolitik zieht sie beim Thema Irak darum eine immer klarere Linie. Gegen die Bundesregierung, aber auch gegen die opportunistische Haltung, die Edmund Stoiber vor der Bundestagswahl eingenommen hat. Der Kanzlerkandidat hat sich an Schröder und an den Umfragen orientiert. Merkel richtet ihre Partei nun anhand der langen Linien atlantischer CDU-Politik aus. Wieder zum richtigen Zeitpunkt. Denn die Bürger merken mittlerweile, dass der Kanzler mit dem Wie seiner Anti-Kriegspolitik einen außenpolitischen Kladderadatsch angerichtet hat.

Kann Angela Merkel so was auch in der Innenpolitik? Oder darf man sie demnächst Frau Präsidentin nennen? Das ist ja auch nicht nichts.

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