Meinung : Der Splitter im eigenen Auge

Theodor W. Adorno und Amerika – zum Zusammentreffen von Geburtstag und Gedenktag

Peter von Becker

Dieser 11. September ist nicht nur der zweite Jahrestag der Terrorflüge in die Türme des World Trade Centers. Es ist auch der 100. Geburtstag des Philosophen und Kulturkritikers Theodor W. Adorno – und heute vor 30 Jahren wurde Chiles Präsident Salvador Allende durch General Pinochet gestürzt, blutig und mit amerikanischer Unterstützung.

Finsternis, Blitzschläge, Erleuchtungen: nichts als eine zufällige Koinzidenz im großen Kalender. Doch kann man an diesem Tag, an dem sich Gedanken und Gedenken so sonderbar mischen, auch von Konstellationen sprechen. Und das Denken in offenen „Konstellationen“, nicht in ideologisch vorgegebenen Systemen, war gerade die Stärke, war die Attraktion Theodor Adornos. Wie kein anderer in der deutschen (und europäischen) Nachkriegsgeschichte hatte der 1949 aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrte, dem Frankfurter jüdisch-katholischen Bildungsbürgertum entstammende Philosoph noch einmal Politik und Gesellschaft, Kunst und Psychologie, also: Kultur, Zivilisation und Zeitgeschichte zusammengedacht. Dieser Genius der Kritischen Theorie, war für die Nachkriegsgeneration ein Mentor des geistigen Aufbruchs und am Ende, existenziell erschreckt, auch ein Opfer des Gewaltausbruchs der Studentenrevolte.

Nach Adornos jähem Herztod im Sommer 1969 ging inmitten einer politischen Zeitenwende auf einen Schlag eine geistige Epoche zu Ende. Adornos Schüler und Mitstreiter, von Habermas bis zu Kluge oder Enzensberger, kreisen heute wie selbst schon ergraute Planeten nur noch um eine schwarze Sonne. Im öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik sind Rüdere, Jüngere, Coolere gefolgt, zumeist allerdings auch Dümmere (ja: das sind wir alle).

Plötzlich aber weht wieder ein anderer Wind. Seit dem Mauerfall und Ostblock-Ende scheint sich die Geschichte mit kaum mehr für möglich gehaltenen Kriegen zwischen Ethnien, Religionen und Kulturen zusehends zu beschleunigen. Der 11. September 2001 gibt dieser neuen Unheimlichkeit die suggestive Signatur. Und Amerika als letzte globale Supermacht bleibt dabei der Magnet, auf den sich alle Kräfte und Gegenkräfte ausrichten. Eben diese Konstellation war bereits für Adorno ein Leitmotiv seiner kulturkritischen Überlegungen. Freilich zeigt sich dabei eine bemerkenswerte Verschiebung der Gewichte. Adorno, der in den USA (zusammen mit Max Horkheimer) die „Dialektik der Aufklärung“ verfasste und unter dem Eindruck von Weltkrieg, Holocaust und Atombombe seine grandiosen „Minima Moralia“ schrieb, ihm galt die Demokratie der USA als politisches Vorbild; gleichzeitig verabscheute er Amerikas „Kulturindustrie“ – gleich ob es um Hollywood, den „Negerjazz“ oder die ersten TV-Seifenopern ging.

Heute ist das umgekehrt. Während Amerikas politische Leuchtkraft in vielen Teilen der Welt verblasst, prägen seine kulturellen Leitbilder fast alle Welt. Insofern widerlegt sich hier Adornos Verdacht eines totalen Verstrickungs- und Verblödungszusammenhanges zwischen kulturindustriellem Einfluss und politischer Anpassung. Im Übrigen haben sich selbst deutsche Intellektuelle mittlerweile abgewöhnt, jedweden Fernsehspaß gleich auf die Waage des Weltgeistes zu legen. Vielleicht hätte sogar Adorno hierüber gelächelt – denn sein bis zur sprachlichen Manieriertheit getriebenes, unerbittlich subtiles Ergründen von Schein und Sein beharrt nicht nur auf dem eigenen Gedanken. Es stellt ihn dialektisch fast immer auch in Frage, wird darum zugleich zur kritischen Selbstreflexion.

Das ist der Punkt, wo Adornos heute aufblitzende Aktualität ins Herz der zeitgenössischen Debatte trifft. Das vor zwei Jahren tief verwundete Amerika hat unter Präsident Bush um fast jeden Preis ein neues Selbstbewusstsein gesucht. Dabei aber hat die kritische Selbstbesinnung immer wieder gelitten. Der 11. September ist so vom Trauma auch zu einem eisernen, ideologieähnlichen Bann geworden, der jetzt zerbricht. Amerika erweist sich schon im Irak als nicht mehr allmächtig – und die von den USA aus der Erfahrung von Krieg und Holocaust einst mitbegründeten Vereinten Nationen kehren nun ins Spiel zurück. Adorno hatte in Amerika einst notiert: „Der Splitter in deinem Auge ist das beste Vergrößerungsglas.“ Schauen wir also hindurch.

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