Meinung : Der Stein vom See

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Von Christoph Stölzl

WO IST GOTT?

Ein schwarzer Stein liegt auf meinem Schreibtisch, walnussgroß. Ich habe ihn am Strand des Sees Genezareth gefunden, dort wo die Ruinen der antiken Synagoge stehen. Den Stein gab es schon, als Jesus in Kapernaum gepredigt hat. Manchmal stelle ich mir vor, er habe ihn in der Hand gehabt. Alles reine Fhantasie, müßige Spekulation. Und doch ist für mich das Geheimnis des Steines ein Teil des großen Geheimnisses, für das ich keinen anderen n als „Gott“ habe. Welchen Sinn hat die Schöpfung? Welchen Sinn hat in der Unendlichkeit des Alls die Extravaganz unseres Planeten? Welchen Sinn hat die verschwenderische Evolution und in ihr der Mensch?

Seit ein paar hundert Generationen sinnt er über Gut und Böse, erfindet Gedanken wie Schuld und Vergebung, zerbricht sich den Kopf über Gerechtigkeit und entdeckt grenzenlose Wunder wie die Liebe, die Sprache, den Geist und die weltverwandelnde Forschung. Warum? Zu welchem Ende?

Mein kleiner Stein könnte die Antwort geben, denn er war dabei, seit Jahrmillionen. Doch er sagt mir nur, dass er noch da sein wird, wenn ich schon lange tot bin. Ich bin froh darüber, dass sich die Menschenfamilie von dieser ewig unbefriedigenden Botschaft der Natur nicht hat abspeisen lassen und nicht aufhört, dem Geheimnis Gottes auf die Spur zu kommen. Ich bin dankbar dafür, einem Zweig der Menschheitsfamilie anzugehören, dessen religiöse Vorfahren einst auf die Idee gekommen sind, Gott aus dem Menschen selbst hervorzudenken und den unerhörten Satz aufzustellen, die Menschen seien sein Ebenbild. Daraus wurde ein Jahrtausendgespräch in Rede und Gegenrede, in Liebe und Zorn. Was ist Gott? Ein Fragezeichen. Ich spüre, eines Tages, jenseits meines Lebens, werde ich die Antwort wissen. Darauf freue ich mich schon.

Der Autor ist Vorsitzender der CDU Berlin.

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