Meinung : Der strenge Hirte

Papst Benedikt XVI. provoziert die Protestanten, hat aber nur die eigene Herde im Sinn

Peter von Becker

Nicht alle Welt, aber besonders die protestantische regt sich mal wieder auf über Benedikt. Hat der römische Pontifex doch gewagt, im katholischen Gottesdienst neuerlich eine lateinische Liturgie aus dem 16. Jahrhundert zuzulassen. Wohlgemerkt: zu gestatten, nicht zu gebieten.

Und dann lässt er auch noch erklären, allein der Katholizismus bedeute die „vollständige Identität der Kirche Christi“, daneben verkörperten die reformierten Gemeinden zwar „vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit“. Aber man könne sie nicht als Kirchen „im eigentlichen Sinn“ bezeichnen. Daraufhin springt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands im Quadrat. Bischof Huber sieht sich „ökumenisch brüskiert“.

Kein Wunder. Denn Wolfgang Huber erwartet, dass der Vatikan, statt Absolutheitsansprüche zu vertreten, sich auch selbstkritisch reflektiere und relativiere, etwa was seinen Mangel an innerer Demokratie, und an kirchlicher Gleichberechtigung von Frauen angehe. Ähnliches mag insgeheim sogar der liberale Oberhirte der deutschen Katholiken, Kardinal Karl Lehmann, denken. Doch der Anspruch an einen „selbstkritischen“ Vatikan wirkt so absurd wie der Versuch des wacker brüskierten Protestanten, den Mini-Luther zu spielen.

Jede Hoffnung auf eine römische Reformation ist nur Church- Fiction und wäre Zukunftsmusik für die Zeit nach Benedikt, irgendwann. Jetzt spielt die Musik allein im inneren Zirkel eines deutschen Papstes, der die katholische Welt in einer Zeit im Auge hat, die eben gar nicht dem deutsch-protestantischen Ideal allgemeiner Aufklärung, Vernunft und multikultureller Harmonie entspricht.

Benedikt sucht darum eine neue alte Selbstbestimmung: für eine Kirche, der das „katholikón“, das alle Betreffende, alle Verbindende längst abhanden gekommen ist. Und die er doppelt bedroht sieht von menschenfeindlichen Fundamentalismen wie von einer menschenunwürdig libertären, dem Kommerz als letztem Wert sich preisgebenden Wertelosigkeit.

Dieser Papst ist zu klug, um in dieser universellen Zwickmühle nur auf eine modische Welle oberflächlich sentimentaler Religionsbegeisterung zu setzen. Er versteht unter Kirche auch keinen evangelischen Debattierclub und möchte Halt bieten im tiefer gegründet Spirituellen. So verschroben ist es da nicht, dass er als Kontrast zum Anything goes postmoderner Hightechwelt auf das Mysterium des alten Ritus setzt. Das zeigt bei aller elitären Strenge durchaus Wirkungsbewusstsein – und richtet sich als trotzig stolze Selbstbehauptung vor allem nach innen. Mit mehr eigenem Selbstbewusstsein hätte sich von all dem kein protestantischer Bischof attackiert fühlen müssen. Benedikt will Huber nicht missionieren, er hat die eigenen Schafe im Sinn.

Natürlich wird etwas mehr lateinisch liturgisches Gemurmel mit dem Rücken zur Gemeinde diese nicht retten. Aber das Faszinosum der katholischen Kirche ist ja auch für Ungläubige ihr schöner, zeremoniöser Schein, in dem sich himmlische und irdische (Doppel-)Moral symbolisch versöhnen.

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