Meinung : Der Tag danach: Die Versuchung der Vergeltung

Robert Leicht

Die Redaktion legt mir eine Frage vor, vor der ich mich gerne gedrückt hätte: Wie halten wir es angesichts dieses Terroranschlags mit dem Wunsch nach Vergeltung und dem Gebot der Feindesliebe? US-Präsident Bush will die Täter jagen und bestrafen; in Europa ruft man zu Besonnenheit auf. - Erste Reaktion: Fragen haben die! Wie können wir zu einer Stunde, zu der wir die Zahl und Leiden der Opfer allenfalls ahnen, an Feindesliebe denken? Jetzt ist doch etwas ganz andres dran: Opferschutz statt Täterschutz!

Weshalb habe ich dann trotzdem geschrieben? Weil wir diesen nahezu skandalösen Gedanken gerade den Opfern schulden. Es sind die Opfer und die Menschen, die durch spätere Terroranschläge gefährdet sein könnten, die uns zu präzisen Unterscheidungen zwingen, also zum angeblich so schwächlichen Differenzieren. Wer von schärfster Bestrafung spricht, hat nicht weniger als das Recht auf seiner Seite. Wer Gewalt, auch militärische, einsetzt, um die Wiederholung zu verhindern, kann dem Lebensrecht der ihm Anvertrauten dienen.

Aber Rache - Rache gar, die nicht einmal die "Richtigen" träfe, sondern nur das eigene Rachebedürfnis befriedigte? Die Frage stellt sich nicht, weil irgendjemandem etwas zu unterstellen wäre - sondern weil ich den Menschen erst einmal kennen lernen möchte, der dieses spontane Gefühl nicht durch sein Gewissen unterdrücken müsste. Und weshalb sollte er es unterdrücken? Strafe und Vorbeugung sollen, auch unter Einsatz von Gewalt, den Kreislauf der Gewalt unterbrechen. Rache aber dreht die Gewaltspirale nur um eine Drehung weiter und führt in die unbegrenzte Eskalation.

Schauen wir uns also die Texte näher an, denen wir die Frage nach der Feindesliebe überhaupt verdanken. Da heißt es in der Bergpredigt zunächst: "Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel ..." Wenn man sich das zweite Element, das uns so abwegig weltfremd vorkommt, in seinen "Durchführungsbestimmungen" gründlich anschaut (die Sache mit der Backe, dem Rock, der Meile), dann stellt man verblüfft fest: Das ist ein vergleichsweise vernünftiges "De-Eskalationsprogramm". Das ist die Warnung: Lass dich nicht blindlings immer tiefer in den Konflikt hineinziehen!

Wichtiger aber noch ist die Feststellung, dass schon das vorausgehende "Vergeltungsprinzip" in seiner uns Heutige erschreckenden Grausamkeit zu seiner eigenen Zeit ein De-Eskalationsprogramm war: Wenn schon Vergeltung, dann jedenfalls nicht mehr Strafe als Schaden. Für ein Auge soll nicht mehr als ein Auge genommen werden.

Wir haben es also mit Stufen auf der Leiter der Einsicht zu tun: mit der Eskalation der De-Eskalation. Übrigens wird, wenn wir nun mit dem besorgten Blick auf den Nahen Osten über diese Dinge und Texte reden, schon aus dem vorigen Absatz deutlich: Die Unterscheidung zwischen alttestamentarischer Rache und neutestamentlicher Versöhnung kann sehr schnell in Selbstgerechtigkeit und anti-judaistische Ideologie umschlagen. Das wird noch deutlicher am Kardinal-Zitat der Feindesliebe: "Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen." Es gibt jedoch nirgendwo im Alten Testament das Gebot, den Feind zu hassen. Der Matthäus-Autor errichtet die steile Forderung der Feindesliebe auf einer - redaktionellen Fälschung.

"Und wie halten wir es nun mit der Feindesliebe?" In dieser Frage steckt wahrlich mehr als die Suche nach einem politischen Programm. Aber auch mehr als welt- und politikfremde Naivität. Solche De-Eskalationsprogramme muten uns, gerade in der äußersten Feindseligkeit, ein Doppeltes zu: Zum einen die Fähigkeit, selbst einen gewissen mentalen Abstand zu gewinnen; Abstand zu eben jener Besessenheit durch die Schrecken und die Faszination der Gewalt, auf die es die Terroristen anlegen. Zum anderen die geradezu übermenschliche Fähigkeit, sich in die Täter "hineinzudenken" (anstatt sie aus unserem Denken gedankenlos auszuschließen). Weil nur derjenige, der mitten im Konflikt alle Faktoren analysiert, auch im Stande ist, den Konflikt selber zu zerlegen.

Was also theologisch als Feindesliebe noch lange nicht zu verstehen sein mag, erweist sich in der auf das Politische beschränkten Perspektive geradezu als das Gegenteil dessen, was das Vorurteil daraus gemacht hat: Da ist nichts von realitätsblinder Schwärmerei, sondern der Aufruf zu einer schärferen, realistischeren und vernünftigeren Weltsicht als gemeinhin üblich. Möge dieser Aufruf, mit oder ohne Zitat, selbst in so verrückten Tagen immer noch gehört werden. Um der sonst erst recht völlig sinnlos gestorbenen Opfer - und aller künftig Gefährdeten - willen.

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