Meinung : Der Tagesspiegel

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Was in Erfurt geschehen ist, hätte überall geschehen können. Es wird nach dem Warum gefragt, aber auch, wie so etwas in Zukunft verhindert werden kann. Bernhard Vogel, ein Mann, der mich stets durch seine Besonnenheit und Verantwortung beeindruckte, fordert eine Überprüfung des eben verabschiedeten Waffenrechts. Ist das hilfloser Aktionismus? Ich denke nein.

Auch das Waffenrecht muss auf den Prüfstand, und welches Ereignis, wenn nicht dieses, könnte Anlass geben – und zwar jedem von uns –, seine Meinung zu dieser Frage zu überprüfen. Aber natürlich kann es nicht nur um das Waffenrecht gehen. Auch andere Fragen müssen wir uns stellen. Wie ist es zu erklären, dass ein besonnener Lehrer der blindwütigen Raserei ein Ende setzen kann? Er redet ihn mit seinem n an, und der Täter lässt ab von seinem Vorhaben. Wann ist er das letzte Mal so angesprochen worden? Ihn ernst nehmend.

Wenn danach gefragt wird, in welchem Umfeld dieser junge Mann lebte und auch danach, ob er Zuwendung erfuhr oder nicht, dann gewiss nicht, um seine Tat zu entschuldigen oder auch nur in einem milderen Licht erscheinen zu lassen, sondern um herauszufinden, welche äußeren Umstände es sind, die einen jungen Menschen zum Mörder werden lassen. Das nimmt nichts von seiner persönlichen Verantwortung, aber es kann uns helfen, solches künftig zu verhindern. Das Recht auf Erziehung bedeutet auch die Pflicht dazu. Von dieser Pflicht kann sich kein Elternhaus befreien oder freikaufen durch Geld oder durch Fernseherlebnis. Ich weiß nicht, wie es in der Familie des Täters aussah, aber der Frage, was die Familie bewirken kann, müssen wir nachgehen, schon um Nachahmungstäter zu vermeiden. Der bayerische Ministerpräsident verlangt eine Diskussion des Verbots von Gewaltvideos. Ist das Gesetzesaktionismus? Ich denke auch hier nein.

Aber es sind nicht die Videos allein. Ist es notwendig, dass in ganz normalen Fernsehprogrammen Brutalität, die ja immer auch Verletzung von Menschenwürde bedeutet, als „Unterhaltung“ angeboten wird? Wo beginnt eine Entwicklung, die Menschenverachtung, Gewalt, Brutalität und Mord enttabuisiert? Der Debatte darüber darf nicht ausgewichen werden.

Artikel 1 unseres Grundgesetzes fordert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Es gilt sehr genau hinzusehen, wo diese Grundnorm angetastet wird. Das beginnt weit vor dem strafrechtlichen Bereich. Christa Wolf stellt fest: „Wann der Krieg beginnt, das weiß man, aber wann beginnt der Vorkrieg?“

Feststellung und Fragestellung haben Allgemeingültigkeit, nicht nur für den Krieg der Völker, sondern auch der Menschen untereinander. Und in jedem Fall ist die Frage hinzuzufügen: Wo beginnt der Vorkrieg? Er beginnt in den Herzen und in den Hirnen der Menschen, dort, wo Vorurteile, vermeintliche Überlegenheitsgefühle und Menschenverachtung ihre Brutstätte haben. Was in Erfurt geschah, war die Einzeltat eines jungen Menschen, der zum vielfachen Mörder wurde. Was können wir tun, dass es eine Einzeltat bleibt? Dieser Frage muss sich jeder stellen. Freiheit bedeutet auch Verantwortung, und Verantwortung ist mehr als Gesetzestreue. Sie muss uns überall bestimmen.

Man lächle nicht über den einen oder den anderen Vorschlag. Es wird keinen Vorschlag als Allheilmittel geben. Aber vielleicht können Veränderungen in verschiedenen Bereichen, keineswegs nur im Strafrecht, sondern auch im gesellschaftlichen Verhalten, in der Verantwortung in den öffentlichen Medien, aber genauso in den Familien und in den Schulen zusammengenommen ein neues Bewusstsein schaffen. Schuldzuweisungen wären jetzt die falscheste Reaktion. Offenheit für die Debatte aller Anregungen die richtige.

Eine Debatte des Deutschen Bundestages über eine Frage, die das ganze Volk aufwühlt, ist geboten, unvoreingenommen, nicht im Bewusstsein, immer schon Recht gehabt zu haben, sondern im Bewusstsein gemeinsamer Verantwortung, eine Debatte der Abgeordneten und nicht der Fraktionen in Wahlkampfaufstellung.

Der Autor war von 1974 bis 1992 Bundesaußenminister. Er ist in Halle geboren und Ehrenvorsitzender der FDP.Foto: Mike Wolff

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