Meinung : Der Tagesspiegel

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Seit vielen Jahren führt der ökologische Landbau in Deutschland ein mehr oder minder beschauliches Dasein im Idyll der Verbrauchergunst. Mit ein bis zwei Prozent Marktanteil war die Ökolandwirtschaft etwas für Querdenker, für Gesinnungstäter (im positiven Sinne). Man stellte hohe Ansprüche an sich selbst und die eigene Wirtschaftsweise, und hielt diese Ansprüche gern gegen äußere Widerstände durch. Die Kontrolle war in erster Linie durch das direkte soziale Umfeld sichergestellt, bis hin zu den Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften und den anthroposophischen Lebens- und Arbeitsgemeinschaften der Demeter-Betriebe. Der Öko-Landbau bot damit auch eine Alternative zum gängigen Gesellschaftsmodell.

Das wirtschaftliche Überleben der Ökobetriebe war und ist abhängig vom Vertrauen der Verbraucher in die besondere Erzeugungsweise und hohe Qualität der Produkte, für die sie dann auch einen besonderen Preis zahlen. Voraussetzung für das Vertrauen war das Wissen um die strengen Prozesskontrollen, die erst von den Verbänden, später auch vom Staat sichergestellt wurden.

Ob Rinderwahn oder Dioxin: Den großen Krisen der Landwirtschaft konnten wir Biobauern mit gesunden Lebensmitteln und einem hohen Ansehen unserer Erzeugung etwas entgegensetzen.

Auch im Rahmen der Agrarwende waren die Bios die ersten Gewinner: Die von Renate Künast anvisierten 20 Prozent Marktanteil sind nicht einfach zehn Mal so viel wie die heutigen zwei Prozent. Dass mit dieser Zielsetzung auch ein qualitativer Bruch entstehen konnte, wird langsam deutlich: Der boomende Bio-Markt mit steilen Wachstumsraten und massiver Nachfrage durch die Einzelhandelsketten weckt Begehrlichkeiten.

Plötzlich scheint die ehemalige Nische interessant für Glücksritter, die im Boom auf eine schnelle Mark setzen. Damit steigt auch das Risiko, denn die Logik der arbeitsteiligen, meist anonymen agrarindustriellen Produktion ist mit den Besonderheiten der biologischen Kreislaufwirtschaft schwer vereinbar. Wenn man agrarindustrielle Strukturen auf biologische Erzeugung umstellt, ist das ja erst mal ein Fortschritt. Doch gerade beim Vertragsanbau und der Arbeitsteilung in spezialisierten Betrieben für Bio-Eier, -Hähnchen oder -Puten zeigen sich die Sollbruchstellen dieser Entwicklung.

Die aktuelle Nitrofen-Krise ist wahrscheinlich nicht von den Biobauern verursacht worden, doch sie beweist, dass der biologische Landbau auch vor der Discount-Logik nicht sicher ist. Der Konkurrenzdruck ist sehr hoch, die Versuchung groß.

Der spontane Reflex, strengere Gesetze für den Bio-Bereich einzuführen, ist verständlich, greift aber zu kurz. Der aktuelle Skandal ist auf eindeutig kriminelle Handlungen beim Mischfutterwerk oder möglicherweise beim Getreideerzeuger zurückzuführen, aber nicht primär auf Gesetzeslücken.

Der biologische Landbau ist der am stärksten kontrollierte Wirtschaftsbereich überhaupt, dessen Prozesskontrolle für andere Sektoren ein Vorbild sein sollte. Ohne die privaten Selbstkontrollen wäre das Nitrofen im Futtergetreide nicht gefunden worden. Über das möglicherweise genauso belastete, unkontrollierte konventionelle Futtergetreide, das längst die Verbraucher erreicht hat, regt sich derzeit keiner auf. Auch das ist ein Skandal.

Die Krise zeigt, dass es absolute Sicherheit vor Betrug nicht gibt. Auch den Euro kann man fälschen.

Weder die Bauern noch die Verbraucher dürfen am Hoftor oder der Ladentheke ihre Verantwortung abgeben.

Der Autor ist Agrar-Experte, Ökobauer und Europa-Abgeordneter der Grünen. Foto: Wolff

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