Meinung : Der Tagesspiegel

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Deutschland rutscht ab im internationalen Vergleich. Die Pisa-Studie hat die deutsche Bildungsmisere offenbart, beim Wirtschaftswachstum liegt die Bundesrepublik auf dem letzten Platz in Europa. In einer gemeinsamen Serie von Tagesspiegel und DeutschlandRadio Berlin suchen prominente Autoren „Wege aus der Krise“. Zu hören sind die Beiträge sonntags um 12 Uhr 10 im DeutschlandRadio Berlin (UKW 89,6).

Die Deutschen reden viel von Zukunft und Leistung und meinen gar, eine zukunftsorientierte Leistungsgesellschaft zu sein. Das sollte aufhorchen lassen. Denn oft reden Menschen vor allem über das, was ihnen fehlt. Beschwören wir Zukunft und Leistung, weil wir das Gefühl haben, dass sie uns abgehen?

Daran könnte etwas sein. Wie zukunftsorientiert sind wir wirklich? Der wohl elementarste Test ist die Bereitschaft zu Kindern. Sie sind Zukunft schlechthin. Doch mit Kindern ist es bei uns nicht weit her. 100 Erwachsene haben gerade noch 65 Kinder und 42 Enkel. Reichlich jeder Dritte wird also schon in der nächsten, mehr als jeder Zweite in der übernächsten Generation keine Nachfahren mehr haben. Für viele schrumpft damit die Zukunft auf die eigene Lebensspanne. Zwar ist diese länger als jemals zuvor. Aber einen weiten Zukunftshorizont eröffnet sie nicht. Für wen ein Haus bauen, eine Erbschaft hinterlassen oder ein Unternehmen schaffen? Derartiges verliert in einer kinderarmen Bevölkerung rasch an Bedeutung.

Die Deutschen leben inzwischen in den Tag hinein. Wer macht sich in einer Bevölkerung, in der annähernd die Hälfte der Erwachsenen das 60. und ein Achtel das 80. Lebensjahr überschritten haben - die deutsche Wirklichkeit in einer Generation - ernsthaft Gedanken über Lebensbedingungen in 30 oder 50 Jahren? Allenfalls eine Minderheit. Die meisten sagen oder denken zumindest: das betrifft mich nicht mehr. Darum mag sich kümmern, wer will.

Unter solchen Voraussetzungen lohnt es auch nicht mehr, besondere Leistungen zu erbringen. Gewiss, richtig faul sind nur wenige. Aber viele empfinden Leistungsanforderungen nur allzu schnell als Leistungsdruck oder schlimmer noch: als Stress. Objektiv kann davon nur selten die Rede sein. Subjektiv ist diese Einschätzung jedoch allgegenwärtig. Entsprechend hoch im Kurs stehen pünktliche Feierabende, kurze Arbeitswochen, lange Urlaube und ein früher Rentenbeginn. Obwohl deutsche Erwerbstätige im Durchschnitt nur noch 8 Prozent ihrer Lebenszeit mit Erwerbsarbeit verbringen, scheint sie sie mehr als früher zu belasten.

Umso größer sind die Erwartungen an andere. Andere sollen Arbeitsplätze schaffen, die Produktivität und dadurch den Wohlstand steigern sowie für Sicherheit in allen Lebenslagen sorgen. Das selbst zu tun ist den meisten zu mühsam. Lieber lassen sie sich entmündigen, als dass sie ein Stück weit ihre Geschicke in die eigenen Hände nehmen. Nur keine Verantwortung für sich und andere! Was ungebildeten armen Bauern und Handwerksleuten vor 100 Jahren bedenkenlos abverlangt wurde und bis heute selbstständigen Marktfrauen und Flickschustern abverlangt wird, kann den wohlhabenden, gebildeten und informierten Bürgern zu Beginn des 21. Jahrhunderts offenbar nicht mehr abverlangt werden: sich nur dann auf andere zu stützen, wenn die eigenen Kräfte nicht ausreichen. Viele wollen dergleichen nicht hören. Sie fordern umfassende Betreuung.

Wird sie ihnen nicht gewährt, heißt es unverzüglich: mangelnde Solidarität und Ellbogengesellschaft. Doch die gleichen, die lautstark diese Vorwürfe erheben, zögern nicht, Arbeitsverträge raffiniert auszuklügeln, Handwerkerrechnungen phantasievoll zu arrangieren, Steuererklärungen trickreich zu gestalten und millionenfach Schwarzarbeit anzubieten und nachzufragen. Die Bürger belügen und betrügen das Gemeinwesen ganz so, als sei es nicht das ihre. Sie geben viel, aber sie fordern noch viel mehr zurück. Hieran droht der überkommene Sozialstaat zu zerbrechen.

Eine zukunftsorientierte Leistungsgesellschaft sieht anders aus. Sie ruht auf einem soliden demographischen Fundament. Ihrer nachwachsenden Generation gibt sie die besten Startchancen und lässt sie nicht vor Fernsehschirmen und in mittelmäßigen Bildungseinrichtungen vergammeln. Bloßer Konsum und schnelle Kicks sind nicht ihr wichtiger Daseinszweck. Sie steckt viel Zeit und Kraft in Dinge, die erst später Früchte tragen: in Forschung und Entwicklung, Infrastrukturen und Umwelt, Kunst und Kultur und besonders Bildung. Sie verschuldet sich nicht bei ihren Nachfahren und verschiebt möglichst keine Lasten in die Zukunft. Die Zukunft ist für sie nicht die Müllhalde der Gegenwart. Sie denkt nicht nur an das Heute, sondern auch an das Morgen und Übermorgen. Sie sorgt vor: jeder einzelne und alle gemeinsam. Die Deutschen sind von einem solchen Verhalten ein gutes Stück entfernt. Und mitunter scheint es, als weite sich der Abstand. Zwar steht der Weg zu einer zukunftsorientierten Leistungsgesellschaft noch immer offen. Doch laufen die Deutschen Gefahr, das Gehen auf diesem Weg zu verlernen.

Der Autor ist Wirtschaftsprofessor und leitet die Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen. Foto: Meldepress

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