Meinung : Der Tagesspiegel

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Vor zwei Jahren traten Journalisten des SFB an mich heran, da Sie Unterstützung bei der Identifikation ihnen unbekannter Personen in einem Nachrichtenfilm der frühen 70er Jahre brauchten. Es war ein Beitrag über die Verhandlungen zum Vier-Mächte-Abkommen 1970-1971 mit Botschaftern und Beratern, die das alliierte Kontrollratsgebäude am Kleistpark entweder betraten oder verließen.

Vor 30 Jahren gehörten diese Gesichter zu den bekanntesten in Berlin. Die Unterzeichnung des Vier-Mächte-Abkommens am 3. Juni in Berlin sowie das Inkrafttreten der Moskauer- und Warschauer-Verträge in Bonn war eines der herausragenden Ereignisse in der Geschichte Nachkriegs-Europas. Im Nachhinein erscheinen die Ergebnisse der Vier-Mächte-Verhandlungen wenig spektakulär. Aber wir sollten diese historischen Tage, die schließlich zur Wiedervereinigung und dem Ende des Ost-West-Konfliktes geführt haben, nochmals betrachten.

Deutschlands Gesellschaft veränderte sich dramatisch. Die politsche Landschaft entzweite sich über die Kompromisse, an welche der Erfolg der Verhandlungen gekoppelt war. Die Regierung unter Willy Brandt und Walter Scheel überstand eine Vertrauensfrage im deutschen Bundestag über die Ostpolitik mit nur einer Stimme Mehrheit.

Eine Verbesserung der Berlin-Situation war eine Bedingung des Westens, um weitere Verhandlungen über die von sowjetischer Seite vorgeschlagenen Ost-West-Verträge zu führen, die dann in der Schlussakte von Helsinki und der Bildung der KSZE gipfelten. Es mutet fast ironisch an, dass die westlichen Verbündeten dem sowjetischen Vorschlag einer Sicherheitskonferenz erst skeptisch gegenüberstanden, während der ehemalige russische Außenminister Kosyrew die Schlussakte von Helsinki und die damit verbundene Berücksichtgung der Menschenrechte als jene „Waffe“ ansah, die die Sowjetunion zu Fall brachte.

All das begann mit 18-monatigen Verhandlungen im März 1970 in Berlin. Sie gestalteten sich derartig schwierig, dass der offizielle Text das Wort „Berlin“ nicht enthält; vielmehr wird Berlin als „das betreffende Gebiet“ bezeichnet und die Ursachen für die Verhandlungen als „die Lage“ benannt. Die Unterzeichnung des Verhandlungsentwurfes, vorgesehen für den 3. September 1971, wurde um einen Tag verschoben, da sich die Vertreter der beiden deutschen Verhandlungsparteien nicht einigen konnten, ob das englische Wort „ties“ mit Bindungen oder Verbindungen übersetzt werden sollte.

Es ist vielen Menschen zu verdanken, dass es zu diesen Gesprächen kam. Präsident Nixon signalisierte bei seinem Antrittsbesuch in Deutschland 1969 die Bereitschaft zu Gesprächen. Der Außenminister der Sowjetunion nahm die Herausforderung ein paar Monate später an. Angesichts der aktuellen Debatte um den besten Weg deutsche Interessen zu definieren und umzusetzen, sollten wir die konsequente Zielsetzung der Politik Brandts und Scheels nicht vergessen.

Ich hatte das Glück, an den Verhandlungen teilzunehmen. Ich half dabei, dass man sich für das alliierte Kontrollratsgebäude als Verhandlungsort entschied und war 18 Monate später einer derjenigen, die dort die offizielle Unterzeichnungszeremonie organisierten. Während der 18 Verhandlungsmonate war ich nahezu bei jeder der einzelnen Sitzungen anwesend und Zeuge vieler Debatten und Differenzen. Die wohl schwierigste Aufgabe war, nach 25 Jahren Ost-West-Konfrontation die Konsequenzen zu ziehen und in eine neue Politik umzusetzten. Es gab Misstrauen untere den westlichen Allierten gegenüber den Motiven der neuen deutschen Bundesregierung. Die Emotionen auf amerikanischer Seite waren derartig hoch, dass einzelne Teilnehmer noch Jahre später nicht miteinander sprechen sollten. Schlussendlich einigte man sich unter den westlichen Teilnehmern und führte die Verhandlungen gemeinsam. Die deutsche Delegation war hierbei stets ein gleichwertiger Partner bei allen Entscheidungsprozessen, klar auf die Ziele fokussiert und brillant in der Verhandlungsführung.

30 Jahre später befinden wir uns in einem friedvollen Europa, ohne Mauer und ohne atomare Konfrontationen. Trotzdem ändert sich unsere Welt so schnell, dass es erneut notwendig ist, unser Verhalten wie auch unsere Wahrnehmung radikal zu ändern. Bedauerlicherweise befassen wir uns mehr damit, wessen Wohlstands-Konzept das Richtige ist, als uns gemeinsame Ziele zur Sicherung unseres Wohlstandes zu erarbeiten. Vielleicht ist genau das die Botschaft aus den damaligen Verhandlungen, die heute noch gültig ist. Es hat fast zwei Jahre gedauert, eine gemeinsame Agenda für die Entspannungspolitik zu finden; weitere 20 Jahre brauchten wir, die darin inbegriffenen Hoffnungen umzusetzen. Doch trotz der diesen Prozess begleitenden Konflikte wie der Krieg in Vietnam oder der chinesisch-russische Konflikt, gelang es den westlichen Alliierten, sich dauerhaft auf die gesteckten Ziele zu fokussieren.

Kann man sich sowohl in Friedenszeiten wie in Zeiten der Konfrontation auf gemeinsame Ziele und einen gemeinsamen Weg dorthin einigen? Die Antwort auf diese Frage wird von entscheidender Bedeutung sein, wenn es darum geht, die Zukunft sowohl unserer Gesellschaften als auch der atlantischen Partnerschaft zu sichern.

Der Autor war US-Botschafter in Berlin und ist heute Chairman des Bankhauses Lazard. Foto: Mike Wolff

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