Meinung : Der Tagesspiegel

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Die Pisa-Studie hat die deutsche Bildungsmisere offenbart, beim Wirtschaftswachstum liegt die Bundesrepublik auf dem letzten Platz in Europa. In einer gemeinsamen Serie von Tagesspiegel und DeutschlandRadio Berlin suchen prominente Autorinnen und Autoren „Wege aus der Krise“. Zu hören sind die Beiträge sonntags um 12 Uhr 10 im DeutschlandRadio Berlin (UKW 89,6)

Im Jahre 1789 war die Französische Revolution. Natürlich hat das viele Adlige den Kopf gekostet, aber dann haben sich auch die Revolutionäre untereinander gestritten. Es gab eine Gruppe, für die war die Freiheit das wichtigste Gut, für die andere war es die Gleichheit. Und natürlich erinnern wir uns noch sehr gut an den großen Kampf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Konflikt zwischen den beiden Weltmächten USA und Sowjetunion war immer auch ein Streit um die Vorherrschaft der Werte. Sollte der Gesellschaft die Idee der Freiheit zugrunde liegen? Oder doch das Ideal der Gleichheit? Der Zerfall der Sowjetunion entschied den Kampf zugunsten der Freiheit. Heute wird die Gleichheit nur noch in den letzten sozialistischen Staaten wie Kuba und Nordkorea gepflegt. Und in Deutschland.

Die Fürsorglichkeit hat dazu geführt, dem Staat immer mehr soziale Aufgaben aufzubürden, die in der Verantwortung der Bürger besser aufgehoben wären. Er ist dadurch zu einer gleichmacherischen Umverteilungsmaschine verkommen. Mit der Vorliebe für die Gleichheit einher geht ein weit verbreitetes Ressentiment gegen Leistungseliten und eine Wettbewerbsfeindlichkeit, die nur wenige Ausnahmen kennt (etwa im Sport). Es ist schon seltsam, welche Begeisterung auf der einen Seite der deutsche Formel-1-Rennfahrer Schumacher auszulösen vermag, auf der anderen Seite aber das dicke Auto des Nachbarn Neid auslöst und nicht Ansporn, es ihm durch Leistung gleichzutun.

Spitzenleistungen und besondere Begabungen bringen ihre Träger leicht in Schwierigkeiten. Wer sich aus der Masse hervorhebt, hat in Deutschland allzu oft ein Problem. Das merken deutsche Kinder schon in der Schule. Während in angelsächsischen Ländern der oder die Klassenbeste von den Mitschülern Anerkennung und Respekt erntet, ist der Primus bei uns als Streber verschrien. Auch die Lehrer sind mit ihren besten Schülern keineswegs immer besonders glücklich. Schließlich besteht das pädagogische Ideal oft vor allem darin, die Klasse im Kollektiv und im Gleichschritt zu den vorgegebenen Lernzielen zu führen. Wir müssen in Deutschland den Boden für Experimente und mehr Vielfalt bereiten.

Was für die Schulen gilt, gilt auch für die Hochschulen. Auch im Bereich der höheren Bildung und der Forschung könnte es mehr Wettbewerb geben. Aber dieser wird aus ideologischen Gründen immer wieder blockiert. Dabei täte dem Hochschulbereich viel mehr Freiheit nur gut. Es fehlen die Spitzenuniversitäten, die wie in den USA, GB oder Frankreich weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus unter Studenten wie Professoren die besten Köpfe anziehen.

Die Herausforderung hierzulande besteht darin, den guten Durchschnitt aller Hochschulen zu halten, daneben aber die Handvoll Spitzenuniversitäten zu schaffen, von denen Deutschlands internationale Konkurrenzfähigkeit abhängt. Dazu brauchen wir den Wettbewerb zwischen den Hochschulen. Wie kriegen wir den? Ich erinnere mich an eine Rede, die der damalige Bundespräsident Herzog zur Bildung hielt. Er beendete diese großartige Rede mit dem Satz: „Entlasst unser Bildungssystem in die Freiheit!“ Und das ist nach meiner Überzeugung die Lösung für unser Bildungsproblem.

Der Autor war Präsident des BDI. Er ist Ehrendoktor der TU Dresden und Offizier der französischen Ehrenlegion. Foto: Kai-Uwe Heinrich

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