Meinung : Der Tagesspiegel

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Deutschland rutscht ab im internationalen Vergleich. Die Pisa-Studie hat die deutsche Bildungsmisere offenbart, beim Wirtschaftswachstum liegt die Bundesrepublik auf dem letzten Platz in Europa. In einer gemeinsamen Serie von Tagesspiegel und DeutschlandRadio Berlin suchen prominente Autoren „Wege aus der Krise“. Zu hören sind die Beiträge sonntags um 12 Uhr 10 im DeutschlandRadio Berlin (UKW 89,6).

In den nächsten fünfzig Jahren wird die deutsche Bevölkerung von derzeit 82 Millionen um 16 Millionen auf 66 Millionen zurückgehen. Bei diesem Szenario ist unterstellt, dass die Zuwanderung bei null liegt. Geht man dagegen davon aus, dass jährlich 200 000 Personen netto zuwandern, so ist der Rückgang mit 7,5 Millionen immer noch beachtlich; das Durchschnittsalter der deutschen Bevölkerung wird dann von 39,8 Jahren (1999) auf 48,6 Jahre im Jahr 2050, also um etwa neun Jahre zunehmen.

Zwangsläufig hat dies Konsequenzen für die Finanzierbarkeit der Rentenversicherung und der Krankenversicherung. Aber auch unabhängig davon wird die Volkswirtschaft der alternden Gesellschaften dramatisch anders aussehen: Eine unmittelbare Wirkung ist, dass das Arbeitsangebot mengenmäßig abnimmt.

Für den Faktor Kapital bringen ältere Gesellschaften tendenziell eine geringere Rendite mit sich. Unter anderem werden in einer alternden Gesellschaft wegen der schwächeren Entwicklung der Nachfrage die Investitionschancen geringer. Hinzu kommt, dass Kapital teilweise auch deshalb nicht gebraucht wird, weil sich die gesamtwirtschaftliche Güternachfrage in ihrer Struktur verändert, etwa im Immobiliensektor.

Das Kapital schwächelt

In einer alternden Gesellschaft herrschen damit insgesamt andere Bedingungen für wirtschaftliches Wachstum. So nimmt ein bedeutender Wachstumsfaktor, das Arbeitsangebot, ab. Zudem wird ein zweiter Wachstumsfaktor, die Kapitalbildung, schwächer, da der Kapitalstock kleiner als bisher ausfällt. Alternde Volkswirtschaften bewegen sich auf einem niedrigeren Wachstumspfad.

Was den dritten Wachstumsfaktor, technischen Fortschritt betrifft, so ändern sich auch hier die Bedingungen. Ältere Gesellschaften mögen durch eine größere Risikoaversion gekennzeichnet sein; dann würden die Unternehmer mit weniger Wagemut an Innovationen, also an technische Neuerungen, herangehen; die Gesellschaft würde, etwa bei der Genehmigung neuer Produkte und Produktionsverfahren, reservierter verfahren. Produktinnovationen würden sich dann möglicherweise weniger leicht durchsetzen lassen.

Auch die Bereitschaft, neue Produkte zu akzeptieren, könnte geschwächt sein, wenn die älteren Menschen mit der neuen Technologie nicht zu Rande kommen.

Offen ist schließlich, wie sich die politische Ökonomie der alternden Gesellschaften verändern wird. Ältere Wähler haben andere Präferenzen, sie könnten risikoscheuer sein und deshalb ein anderes Wählerverhalten an den Tag legen, so dass sich die Grundorientierung der politischen Parteien und auch der Politik insgesamt verschiebt. Dabei mag sich auch von der Politik her das Umfeld für das Innovative verschlechtern.

Es ist jetzt an der Zeit, dass die Politik die Weichen für die notwendigen Anpassungsprozesse stellt, bevor der Prozess des Alterns der Gesellschaft richtig beginnt. Dabei geht es nicht nur darum, Bedingungen dafür zu schaffen, dass die Rentenversicherung nachhaltig aufrecht zu erhalten ist; beispielsweise wird das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre heraufgesetzt werden müssen. Die Krankenversicherung muss tragfähig gemacht werden.

Erforderlich ist es aber auch, dass die alternden Volkswirtschaften mit ihren institutionellen Regelungen die bevorstehenden strukturellen Anpassungen zu leisten vermögen.

Vor allem aber ist es wichtig, solche Bedingungen herzustellen, die der Wachstumserlahmung alternder Gesellschaften entgegenwirken. Deshalb ist es für eine wirtschaftspolitische Strategie vorrangig, Kräfte der Innovation freizusetzen. Dabei geht es um gute Voraussetzungen für die Unternehmen – bei den Steuern, bei der Infrastruktur und den institutionellen Regelungen. Ferner um eine hervorragende Qualifizierung der Arbeitnehmer und die richtigen institutionellen Arrangements für die Humankapitalbildung, auch für das berufsbegleitende Lernen. Es handelt sich schließlich um die entscheidende Grundlage für die Innovation, nämlich die Gestaltung der Forschungs- und Universitätslandschaft. Denn bei Ausbildung und Forschung liegt ein entscheidender Motor für den Fortschritt . Diesen Bereich wird man vollständig umorganisieren müssen, wenn man Dynamik in alternde Gesellschaften bringen will.

Dies wird jedoch nicht gehen, wenn man einen so wichtigen Bereich der Gesellschaft wie die Universitäten mit den Mitteln der zentralen Planung bürokratisch-administrativ bewirtschaftet. Man darf nicht davor zurückschrecken, diesen für die Zukunft zentralen Sektor nach dem Wettbewerbsprinzip zu organisieren. Man muss die Universitäten für den Wettbewerb freigeben.

Der Autor ist Präsident des Instituts für Weltwirtschaft an der Universität Kiel und Mitglied des „Rats der Weisen“ zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Foto: dpa

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