Meinung : Der Tagesspiegel

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Deutschland rutscht ab im internationalen Vergleich. Die Pisa-Studie hat die deutsche Bildungsmisere offenbart, auch beim Wirtschaftswachstum liegt die Bundesrepublik auf dem letzten Platz in Europa. In einer gemeinsamen Serie mit DeutschlandRadio Berlin suchen prominente Autoren „Wege aus der deutschen Krise“. Zu hören sind die Beiträge sonntags um 12 Uhr 10 im DeutschlandRadio Berlin (UKW 89,6).

Seitdem es Menschen gibt, wird Natürliches künstlich. Menschen bewundern solch Neues – und zugleich wird ihnen unheimlich, weil sich eine bisher verlässliche Grenze verschiebt. Wenn natürliches künstlich wird, erweitern sich die menschlichen Handlungsmöglichkeiten und damit auch die Missbrauchsmöglichkeiten. Das ist der Grund der Ängste. Manche erscheinen im Rückblick als lächerlich, wie die Befürchtung, die Benutzung der Eisenbahn würde der unnatürlich hohen Geschwindigkeit wegen (es waren wohl 40 Stundenkilometer) zu nervösen Leiden führen. Andererseits: dass eine äußert knappe Badebekleidung seinerzeit nach dem Bikini-Atoll benannt worden ist, weil dort die erste Wasserstoffbombe gezündet worden war, erscheint uns heute als unfassbare Ahnungslosigkeit vor den Gefahren. Es gibt Beispiele für zu viel und für zu wenig Furcht vor dem Neuen. Wir müssen also näher hinsehen.

Die Ängste im Blick auf die neuen biotechnischen Möglichkeiten sind deshalb besonders groß, weil es in einem neuartigen Sinne um unser Menschsein geht. Wir können das menschliche Erbgut verändern. Menschenzüchtung, Menschenverdoppelung, das Designer-Baby mit Eigenschaften nach Elternwunsch – all dies ist heute überhaupt nicht möglich, und vieles davon nie. Es ist ein moderner Aberglaube, dass diejenigen Eigenschaften, die wir an Mitmenschen besonders schätzen, nämlich Charaktereigenschaften, genetisch determiniert und durch Manipulation am Erbgut erzeugt werden könnten.

Es ist klar, dass sich solche Experimente an Menschen aus ethischen Gründen verbieten. Und vor Eingriffen in die menschliche Keimbahn, also vor genetischen Veränderungen des Menschen, die vererbt werden, warnen alle seriösen Forscher, weil wir die Folgen solcher Eingriffe gar nicht kalkulieren können. Die seriöse Forschung geht auf anderes. Sie möchte den Mechanismus erkennen, nach dem sich embryonale Zellen differenzieren, um so Krankheiten heilen zu können, die durch den Verlust bestimmter Zelltypen entstehen. Das ist das Interesse der Stammzellenforschung. Und sie möchte Eltern, die mit Erbkrankheiten belastet sind, durch Präimplantationsdiagnostik (PID) den Wunsch nach einem Kind erfüllen, das nicht an dieser Erbkrankheit leidet. Eine Empfehlung der Bundesärztekammer möchte die Präimplantationsdiagnostik auf diese Fälle beschränken. Das finde ich vernünftig.

Diese therapeutischen Zielstellungen sind nicht umstritten. Umstritten ist, ob dafür befruchtete Eizellen im frühesten Stadium, also vor Beginn der Schwangerschaft, vernichtet werden dürfen. Der Streit beruht auf einem Konsens, nämlich dem Instrumentalisierungsverbot. Kein Mensch darf als bloßes Mittel für die Zwecke anderer Menschen geopfert werden. Diese abendländische Grundüberzeugung ist, weltgeschichtlich geurteilt, keineswegs selbstverständlich. Sie hat sich aus griechischen und jüdisch-christlichen Wurzeln gebildet. Sie darf nicht zur Disposition gestellt werden, weil der Gedanke der Menschenrechte ebenso auf ihr beruht wie der Imperativ der Nothilfe und Solidarität.

Wird also die Menschenwürde durch die Forschung an embryonalen Stammzellen oder durch die Präimplantationsdiagnostik verletzt oder gefährdet? Das wird nun mit zwei Arten von Argumenten bejaht. Die einen sagen: Auch die befruchtete Eizelle ist bereits Träger der Menschenwürde und insofern einem geborenen Menschen gleichzustellen. Mir leuchtet das aber gar nicht ein. 70 Prozent der befruchteten Eizellen gehen nämlich auf natürlichem Wege verloren, das heißt, sie gelangen gar nicht bis zur Schwangerschaft, geschweige denn zur Geburt. Sollen wir nun sagen: 70 Prozent aller Menschen werden nie geboren? Sollen wir unsere Statistik berichtigen und von einer über 70-prozentigen Kindersterblichkeit sprechen? Ich rate von solchen Neuerungen ab. Mir leuchtet die britische Regelung sehr ein, dass sich der Schutzgrad des werdenden menschlichen Lebens mit Beginn der Schwangerschaft erhöht. Es ist für mich schwer nachvollziehbar, dass dieselben, die den Schwangerschaftsabbruch, also die Vernichtung eines Embryos, der mit seiner Mutter bereits vereint ist und alle Chancen hat, auf die Welt zu kommen, möglichst frei geben möchten, auf der anderen Seite unbedingten Schutz für den Embryo in der Petrischale fordern.

Das andere Argument gegen Stammzellenforschung und Präimplantationsdiagnostik ist das Dammbruch-Argument. Gesagt wird: Wir könnten ja beides akzeptieren, wenn es dabei bliebe. Aber es wird nicht dabei bleiben. Wer A sagt, wird auch B sagen. Deshalb müssen wir A verbieten, damit B nicht geschieht. Nein, ein Argument ist das gar nicht, sondern eine Prognose, und zudem eine sehr ängstliche. Ich glaube nicht, dass die nächste Generation den Verstand verliert und sich an die Menschenzüchtung macht. Die nächste Generation wird ohnehin tun, was sie für richtig hält. Stärken wir also lieber ihr Urteilsvermögen, statt sie durch Verbote vor sich selbst schützen zu wollen.

Der Autor ist Theologieprofessor an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied der Sozialdemokraten.Foto: Ullstein/ Imo

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