Meinung : Der Tagesspiegel

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Mit der Fundamentalkritik am deutschen Bildungsföderalismus mag der Bundeskanzler weder gnädig noch gerecht sein mit sich und den Seinen. Doch die schrillen Reaktionen aus dem Süden signalisieren, dass er möglicherweise mehr Recht hat, als viele wahr haben wollen. Wir brauchen auch in der Bildungsdebatte mehr den ehrlichen Aufstand der Anständigen als die gespielte Empörung der Zuständigen. Die Menschen haben den Streit um Zuständigkeiten satt. Sie wollen rasche Verbesserungen der mangelhaften Zustände an unseren Schulen. Das ist eine gesamtstaatliche Aufgabe: Bildung ist eben nicht nur der Schlüssel für die Lebenschancen jedes Einzelnen, sondern auch der Schlüssel für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes und seine demokratische Stabilität.

Die Politik dagegen nutzt die beiden PISA-Studien nicht als Gehhilfe, um besser laufen zu lernen, sondern lieber als Knüppel, den es sich zwischen die Beine zu werfen gilt. Ganz Deutschland schwimmt international unter Wasser, aber wir streiten darum, wer ertrinkt in ein Meter, zwei oder drei Meter Tiefe. Sind die süddeutschen Länder wirklich froh über die ersten Plätze in der 2. Liga? Bayern kann mit seiner Abiturquote von unter 20 Prozent seinen Fachkräftebedarf nur mit 4350 Hochschulabsolventen pro Jahr aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen decken. Wir haben nichts gegen derartige Entwicklungshilfe, würden nur gern die dafür notwendigen 200 Millionen Euro pro Jahr erstattet erhalten – oder wenigstens etwas mehr Anstand in der PISA-Debatte.

Was ist zu tun und was zu unterlassen? Zuerst müssen wir die Zukunftsaufgabe Bildung dem Alleinvertretungsanspruch der Fachzirkel und Verbandsfundamentalisten entreißen. Diese unheilige Allianz hat sich weniger um die Ausbildung unserer Kinder gekümmert als um die Pflege ihrer bildungspolitischen Ideologien und beruflichen Standesinteressen. Kein Politikbereich ist ideologisch so aufgeladen und strukturell verkrustet wie das Schulwesen. Nirgendwo sonst finden sich so viele politische Traditionskameradschaften: immer in der gleichen Schlachtordnung mit den selben Marschliedern.

Vielleicht ist der überkommene deutsche Bildungskorporatismus die größte Innovationsblockade überhaupt in unserem Land. Jede Idee, jeder neue Vorschlag wird von der hauptamtlichen Betroffenheits- und Besitzstands-Armada aus Lehrerverbänden reflexhaft verworfen. Befunde werden vorschnell ignoriert und mit dem Ruf nach mehr Geld für die Beschäftigten quittiert.

Von dieser Angebotsorientiertheit der Bildungspolitik heißt es endlich Abschied nehmen. Wir brauchen mehr Nachfrageorientierung und Anschlussfähigkeit. Auch in der Bildungspolitik müssen wir für mehr Qualität und Verbraucherschutz sorgen und von der „Ladentheke“, vom Kunden her denken: Das sind unsere Kinder und Jugendlichen und die mittlerweile globalisierten Arbeitsmärkte, auf denen die Absolventen unseres Bildungssystems zurecht kommen müssen.

Die wichtigsten Ergebnisse der PISA-Studie neben der Tatsache, dass wir im Bildungswettbewerb weit zurückgefallen sind: 1. Unsere Schulen sind kaum fähig zum Ausgleich ungünstiger familiärer und sozialer Voraussetzungen. 2. Unser Bildungssystem ist zu angebotsorientiert. 3. Es fehlt an allgemeiner Nachprüfbarkeit der Qualität jeder Schule für ihre Kinder und Jugendlichen. 4. Es gibt keine gewachsene Kultur des Lernens vor und nach der Schule.

An diesen vier Punkten müssen wir rasch und entschieden Reformen ansetzen. Natürlich gehört dazu auch eine Reform der Kultusministerkonferenz (KMK). Zugleich sollten wir uns und anderen aber nichts vormachen: Die KMK ist Ausdruck des bundesdeutschen Föderalismus, der sich insgesamt mehr als bewährt hat. Damit die KMK aus der Rolle des ewigen Watschenmanns herauskommt, sollte sie sich ein Instrument zur allgemeinen Nachprüfbarkeit von Abschlüssen und Leistungsnachweisen schaffen. Das könnte ein nationales Institut für Schule und Bildung sein, das Bund und Länder gleichermaßen tragen, dem parteipolitischen Streit entzogen ist und Abschlüsse und Leistungsnachweise prüft, evaluiert und zertifiziert. Aufgaben und Funktionsweisen der KMK sollten neu geordnet werden: statt Einstimmigkeit Mehrheitsentscheidungen, mehr Zielformulierung und weniger Niveauregulierung, mehr Anstrengung von allen und mehr Förderung der Schwächeren.

Schließlich brauchen wir einen wirklichen Neuanfang des Lernens in unserem Bildungssystem. Wir brauchen eine „Schule“ vor und nach der Schule, eine neue Kultur des Lernens, die sich auch in den Institutionen abbildet. Wer erklärt bekommt, dass er zunächst die „Schulreife“ erlangen muss, um „eingeschult“ zu werden, und eine „Schulpflicht“ zu erfüllen hat, der wird Schule immer als separaten Lebensabschnitt begreifen und nicht als integralen Abschnitt seines Lebens. Kindergärten, Vorschulen und Schulen müssen Orte sozialer Entdifferenzierung sein, wo Begabungen gefördert, Interessen geweckt und Tugenden entwickelt werden – ohne falsche Gleichmacherei oder Nivellierung, aber auch ohne sozialen Herkunftsnachweis.

Vor allem müssen wir dafür sorgen, dass Schüler, Eltern und Lehrer sich als Bündnispartner verstehen, die gleichermaßen am Lernerfolg orientiert sind. Weil sie wissen, dass Leistung und Chancengleichheit keine Gegensätze sein müssen. Damit sie spüren, dass gute Schulerfahrungen in einem Klima aus Vertrauen und Zusammenhalt noch immer die besten Voraussetzungen sind für ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben.

Der Autor ist Ministerpräsident von Niedersachsen (SPD). Foto: Mike Wolff

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