Meinung : Der Tagesspiegel

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In der Debatte um die notwendigen Folgerungen aus der Schulleistungsstudie Pisa spielt das Konzept der Ganztagsschule eine herausgehobene Rolle. Und das zu Recht, wenn die Ganztagsschule als bildungspolitische Maßnahme begriffen wird. Fest steht: Die Ganztagsschule ist zwar kein Allheilmittel zur Behebung der bei Pisa aufgezeigten Defizite der deutschen Schulbildung und kein Patentrezept zur Lösung aller Probleme. Aber: Bei der Ganztagsschule geht es darum, dem Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schule in neuen Formen und mit neuen Angeboten gerecht zu werden, und damit einen wesentlichen Beitrag zur Schulentwicklung in Deutschland zu leisten.

In Rheinland-Pfalz sollen nach dem Willen der SPD/FDP-Landesregierung bis zum Jahr 2006 insgesamt 300 neue Ganztagsschulen entstehen, die ersten 81 Schulen starten zum Schuljahr 2002/2003. Schon durch die Rahmenbedingungen – für die Personalausstattung der neuen Ganztagsschulen werden schrittweise aufbauend bis zu 60 Millionen Euro jährlich von der Landesregierung zur Verfügung gestellt, mindestens die Hälfte aller Zusatzangebote werden von ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern gemacht – wird klar: Hier kann und soll es auch darum gehen, den Schulalltag neu zu gestalten. Dabei kann nicht nur – wie bei der in Rheinland-Pfalz 1998 im Grundschulbereich eingeführten „Vollen Halbtagsschule" – der 45-Minuten-Takt aufgebrochen werden. Der erweiterte Zeitrahmen der Ganztagsschule kann und soll für erweiterte Bildungs- und pädagogische Zusatzangebote genutzt werden.

Inhaltlich haben wir daher vier unverzichtbare Gestaltungselemente für Ganztagsschulen vorgegeben. Das sind erstens unterrichtsbezogene Ergänzungen, wie Fremdsprachen- und Mathematik-Arbeitsgemeinschaften, die „Geschichtswerkstatt" oder die organisierte Hausaufgabenhilfe. Zweitens soll das Konzept themenbezogene Projekte enthalten wie zum Beispiel ein Projekt über die Entstehung und Illustration von Büchern oder Projekte zum Abbau von Gewaltbereitschaft und zur Streitschlichtung. Drittens sollen Angebote zur Förderung gemacht werden: Sprachkurse in Deutsch, aber auch für besonders Begabte in Schulfach bezogenen, künstlerischen, musikalischen und sportlichen Bereichen. Das vierte Element umfasst die Freizeitgestaltung unter pädagogischer Anleitung wie Theater-, Internet- und Trendsportangebote. Für all das geben wir den Schulen eine Vielzahl von Materialien und von Vorschlägen an die Hand – aber kein enges Korsett. Die konkrete Ausgestaltung des jeweiligen Angebots wird der einzelnen Schule überlassen, die ihr Konzept bei der Antragstellung vorlegen muss.

Weitestgehend freie Hand haben die neuen Ganztagsschulen dabei auch, wenn es um die Auswahl des Personals geht. Und die Schulen erhalten eigenständige Budgets zur Fortbildung des eigenen Kollegiums. Rahmenvereinbarungen des Landes mit den Kirchen, dem Landessportbund, den Dachorganisationen von Musikschulen und Musikvereinen sowie den Wohlfahrtsverbänden ermöglichen es, neben Lehrkräften auch pädagogisch geschulte Fachleute aus diesen Institutionen in die Ausgestaltung des Angebots der Ganztagsschule einzubeziehen. So öffnet sich die Schule weiter gegenüber der Gesellschaft. Die deutsche Bevölkerung, das haben Umfragen der jüngeren Vergangenheit eindeutig gezeigt, erwartet deutliche Veränderungen in unserem Bildungssystem und begrüßt dabei in hohem Maß die Einführung von Ganztagsschulen. „Pisa“ hat gezeigt, dass die Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler breiter gestreut sind als in den meisten anderen Staaten der OECD, dass der Anteil der Leistungsschwächsten größer, der Anteil der Spitzenschüler aber kleiner als in vielen anderen Pisa-Teilnehmerstaaten ist und dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und erzielter Leistung hier zu Lande besonders stark ausgeprägt ist. All diese Defizite kann eine Maßnahme allein natürlich nicht beheben. Eine Ganztagsschule mit ausgeprägt pädagogischem Profil kann aber einen wichtigen Beitrag zu Verbesserungen in mehreren Punkten leisten, ohne dabei negative Folgen auf anderen Feldern hervorzurufen. Ganz zu schweigen davon, dass es für die Ganztagsschule gesellschafts-, wirtschafts- und sozialpolitisch sehr gute Gründe gibt.

Die Autorin ist Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz.Foto: dpa

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