Meinung : Der Tagesspiegel

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Im Land der Dichter und Denker gibt es eine Zwei-Klassen-Bildung: auf der einen Seite die langjährig unionsregierten Länder, die in ihrer Schulpolitik Wert auf hohe Unterrichtsqualität, zentrale Abschlussprüfungen und ein hohes Leistungsniveau legen und damit sichtlich Erfolg haben, auf der anderen Seite die SPD-regierten Länder ohne zentrale Prüfungen und mit geringen Leistungsanforderungen, die erkennbar eine schlechte Bilanz ziehen müssen.

Dies hat nichts mit parteipolitischer Optik oder gar Schönfärberei zu tun, auch nichts mit Häme. Ich kann mich nicht darüber freuen, dass Kinder in Bremer Schulen fast auf das Bildungsniveau von Mexiko sinken oder niedersächsische sowie brandenburgische Schüler bei den Naturwissenschaften vor der russischen Förderation liegen. Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben dieselben Begabungen wie Kinder in Bayern oder Baden-Württemberg. Und diese Kinder haben auch einen Anspruch darauf, genauso gefördert zu werden wie ihre Altersgenossen in Bayern, Sachsen oder Baden-Württemberg. Hier schließe ich ausdrücklich Karriere-Möglichkeiten über die berufliche Bildung mit ein, die in der Pseudo-Debatte um Abiturquoten so gerne negiert werden. Soll in Europa allen Ernstes die Abiturquote gesteigert und gleichzeitig hohe Jugendarbeitslosigkeit dafür in Kauf genommen werden? Die jungen Menschen, die ihren Meister machen oder sich über postsekundäre Weiterbildung qualifizieren, haben eine breite fundierte Allgemeinbildung und tragen den wirtschaftlichen und sozialen Standort.

Die Pisa-Ergebnisse sollten viele in unserer Republik nachdenklich stimmen. Es muss endlich einen Ruck geben, jenseits alter ideologischer Debatten. Aber statt einer differenzierten inhaltlichen Auseinandersetzung legt der Bundeskanzler samt seiner Bundesbildungsministerin plumpe Patentrezepte auf den Tisch: Bildung müsse in Bundeshand. Wie einst alle Lehrer als "faule Säcke" beschimpft der Kanzler nun die Kultusminister – wohlgemerkt trifft dies primär seine eigenen. Im Gerangel um Kompetenzen entfachen Schröder und Bulmahn leichtfertig einen langjährigen Streit um Verfassungsänderungen. Eltern, Lehrer und Schüler wollen jetzt kein Hin und Her um Zuständigkeiten, sondern sie wollen, dass schnell gehandelt wird.

Schröder und Bulmahn ignorieren bei ihrer Forderung gänzlich, dass föderative Staaten wie Kanada, Australien oder die Schweiz im Vergleich zu Deutschland hervorragende Pisa-Ergebnisse erzielen. Föderalismus fördert eben den Wettbewerb unter den Ländern um die besten Ideen. Föderalismus fordert von den Ländern Leistung. Er ist Ansporn. Was soll eine Bundeskompetenz für Standards bewirken, wenn über Inhalt und Niveau keine Einigkeit herrscht und die Zuständigkeiten noch dazu bei denen lägen, die für den Verfall von Leistungsorientierung und Bildungsniveau die Hauptverantwortung tragen? Was sollen ein abgehobener Sachverständigenrat oder eine Enquete-Kommission, wenn es darum geht, auf eine höchst unterschiedliche Bildungssituation in 16 Ländern zu reagieren, in denen die Schulleistungen zwischen den Besten und den Schlechtesten zwei ganze Schuljahre auseinander liegen?

Statt unnötiger Gremien fordere ich, dass bundesweite Standards zügig in Zusammenarbeit mit der Wissenschaft und nach internationalen Maßstäben definiert und umgesetzt werden. Das Prüfungsniveau in den verschiedenen Jahrgangsstufen muss durch konkrete Aufgabensammlungen mit klaren Anforderungsprofilen festgelegt werden. Die Standards müssen regelmäßig durch Jahrgangsstufentests überprüft werden. Die Evaluation muss sowohl intern als auch extern erfolgen. In Bayern wurde übrigens ein Konsortium namhafter Fachleute aus der empirischen Pädagogik und vergleichenden Bildungsforschung eingesetzt, um nationale und internationale Vergleichsstudien wissenschaftlich zu begleiten.

Ich plädiere für Transparenz und Offenheit unter den Ländern und innerhalb der Kultusministerkonferenz. Ich erinnere an den Fall, als Bayern und Baden-Württemberg ein Fünf-Fächer-Abitur einführen wollten und Hamburg sich daraufhin weigern wollte, dieses Abitur anzuerkennen. Diese Auseinandersetzungen werden der Vergangenheit angehören müssen.

Eine größere Transparenz hilft Vorurteile – auch wenn man sie so gerne pflegt – abzubauen. Natürlich ist es wunderbar einfach, Bayern als "reaktionäres Bildungsland" mit selektierenden Paukschulen (natürlich nur mit Lehrern in Lederhose) darzustellen. Pisa hat viele Vorurteile ausgeräumt. Aber wie wäre es, statt neue Vorurteile aufzubauen, nachzufragen: Warum gelingt die sprachliche Integration von Migrantenkindern in Bayern so gut, dass ihre Leseleistungen dem Bundesdurchschnitt entspricht, den die deutschen Schülern insgesamt erreichen. Warum fördert Bayern Kinder aus bildungsfernen Familien so gut? Warum hat es nicht nur den größten Anteil an Schülern mit Leistungen auf der höchsten Anforderungsstufe, sondern auch die kleinste Gruppe an Schülern mit schlechten Leistungen? Warum ist die Lesekompetenz der bayerischen Hauptschüler besser als die der gesamten Schülerschaft einschließlich Gymnasien in Nordrhein-Westfalen – die gleichzeitig mehr Abiturzeugnisse vergeben? Pisa verdeutlicht: Leistung zu verlangen ist nicht unsozial, sondern es hilft vielmehr, soziale Gerechtigkeit zu schaffen.

Bayern befindet sich nicht im Siegestaumel: Wir sehen die vielen Herausforderungen und werden hier intensiv weiterarbeiten. Wir wollen die Sprachförderung von Migrantenkindern verbessern, Kinder aus bildungsfernen Familien stärker fördern, eine engere Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule vorantreiben, die Förderangebote am Nachmittag ausbauen, die Methodenkompetenz der Lehrer stärken sowie die Qualität des Unterrichts steigern. Wir arbeiten weiter an einer Qualitätsoffensive und ich wünschte mir, dass sich viele andere anschließen. Die Wege zu einer optimalen Bildung können durchaus vielfältig und verschiedenartig sein – nur das Ziel muss stimmen.

Die Autorin ist Kultusministerin des Freitstaates Bayern und Mitglied der CSU.Foto: dpa

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