Meinung : Der Takt macht die Musik

Bundesbankpräsident Welteke und die Adlon-Affäre

Tissy Bruns

Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Getreu dieser kleinen Volksweisheit hat Ernst Welteke die Verhältnisse geordnet. Die dienstliche Hälfte seines viertägigen Silvesteraufenthalts im Hotel Adlon übernimmt die Bundesbank, die private zahlt er aus eigener Tasche. So weit in Ordnung, nur leider: Diese Regelung erfolgte erst, nachdem öffentlich bekannt geworden ist, dass die Dresdner Bank dem Bundesbankpräsidenten die Euro-Feier zuzüglich eines Berlin-Ausflugs für die ganze Familie bezahlt hat.

Die deutsche Öffentlichkeit neigt dazu, über ihr Spitzenpersonal sehr schnell den Stab zu brechen. Wer viel verdient, findet wenig Verständnis für hohe Zuwendungen bei repräsentativen Anlässen, auch wenn sie durch Amtspflichten begründet sind. Der Vergleich zum Durchschnittseinkommen reicht („Davon muss eine Familie zwei Monate leben“), und das Urteil ist gesprochen. In Frankreich oder den USA wäre manche deutsche Dienstaffäre gar keine und stets wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, wenn einer sich erwischen lässt. Wobei auch immer. Hans Eichel ist einmal mit einer „Flugaffäre“ unter Druck geraten, weil er mit seinen Terminen immer so verfahren ist wie Welteke leider erst nachträglich: Die Kosten seiner ministeriellen öffentlichen Auftritte trägt seine Dienststelle, nicht der veranstaltende Gastgeber.

Zum Fall Welteke muss zunächst gesagt werden: Eine gut, sogar eine aufwändig inszenierte Präsentation des Euro fällt in die Rubrik Dienst und wenn Welteke dafür reisen muss, soll er gewiss nicht auf harten Pritschen nächtigen. Trotzdem verdient dieser Vorgang den Begriff Affäre. Nicht, weil Welteke Silvester 2001 nach Berlin ins Adlon gereist ist. Auch nicht, weil der Bundesbankpräsident seine Unabhängigkeit gegenüber der veranstaltenden Dresdner Bank eingebüßt hätte. Weltekes Verhalten war falsch, weil es die Sitten nachhaltig verdirbt, wenn das Spitzenpersonal den Mangel an öffentlicher Generosität durch heimliche Großzügigkeiten untereinander wettmacht. Wenn, was oft genug gilt, Recht und Regeln das Verhalten nicht genau definieren, muss politisches Taktgefühl erwartet werden. Ein Taktgefühl, dass die Lebenswirklichkeit der normalen Leute kennt und berücksichtigt, dass von ihnen finanzielle Opfer und Einschränkungen erwartet werden.

Welteke hat beides verletzt: die Regeln und die Erwartung an das Fingerspitzengefühl. Der Beamte an der Spitze der Bundesbank muss, rechtlich, die engen Grenzen für Geschenke beachten. Er muss, moralisch, wissen, was kleine Beamte über die familiäre Ausweitung von Dienstreisen denken, die gerade ihr Weihnachtsgeld verlieren.

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