Meinung : Der Terror kommt nach Hause

Erst Riad, dann Casablanca: Al Qaida operiert da, wo man es ihr am leichtesten macht

Clemens Wergin

Vor zwei Wochen noch triumphierte man in Washington. Al Qaida sei zwar nicht besiegt, aber fast bedeutungslos geworden. Der vermeintliche Beweis: Es war der Terrororganisation nicht gelungen, während des Irak-Krieges westliche Ziele anzugreifen und die in der muslimischen Welt weit verbreitete Empörung gegen den Krieg für die eigenen Ziele zu nutzen.

Inzwischen sieht die Welt wieder anders aus. Al Qaida ist in der Offensive. Sowohl die Attentate in Riad als auch am Freitagabend in Casablanca tragen das Markenzeichen des Terror-Netzes. Die Anschläge mit Selbstmordattentätern wurden professionell vorbereitet und bedurften langfristiger Planung. Und sie zeigen die Handschrift des 11. September: Fast zeitgleich mehrere Anschläge in derselben Stadt. Das erhöht die Verwirrung bei Bürgern und Behörden. Es bewirkt ein Gefühl der Ohnmacht und den Eindruck: Man kann nichts dagegen tun.

Es gehört zum Funktionsprinzip von Al Qaida, mit lokalen Gruppen zusammenzuarbeiten. Das erklärt auch, warum das Terrornetzwerk fast gleichzeitig an geographisch so weit entfernten Orten wie Riad und Casablanca aktiv werden konnte. Und den Anschlägen der letzten Tage werden möglicherweise weitere folgen. Geheimdienstinformationen über Terroraktivitäten in Kenia haben schon dazu geführt, dass Großbritannien Flüge dahin annulliert hat und vor Reisen in insgesamt sechs ostafrikanische Staaten warnt. Auch Asien gilt als gefährdet. Trotz der anhaltenden Bedrohung war der Kampf gegen Al Qaida aber zumindest in einem Punkt erfolgreich: Nach dem 11. September ist es den Terroristen nicht gelungen, weitere Anschläge in westlichen Ländern zu verüben. Hier ist der Staat stark, die Sicherheitsapparate sind effizient. Deshalb weichen die Terroristen aus. Sie suchen westliche Ziele in schwachen Staaten, wie die Attentate in Bali und Mombasa im letzten Jahr zeigen. Dass Al Qaida nun vornehmlich in arabischen Staaten operiert, liegt daran, dass die Terroristen dort weniger auffallen und einfacher Unterschlupf finden.

Al Qaida hat sich neu aufgestellt. Alte Führer, die gefasst wurden, konnten durch jüngere ersetzt werden. Und seit dem Irak-Krieg scheint es der Terrororganisation leichter zu fallen, Anhänger zu rekrutieren. Aber man sollte sich im alten Europa keinen Illusionen hingeben: Die Ablehnung des Krieges schützt vor Anschlägen nicht. Schließlich wurden in Casablanca nicht nur jüdische Einrichtungen und ein spanisches Kulturinstitut getroffen, sondern auch die belgische Botschaft. Und das, obwohl die belgische Regierung zu den vehementesten Kritikern der Bush-Regierung gehörte.

Selbst wenn man in Belgien beteuert, nur eine Art „Ersatzziel“ gewesen zu sein: Das Feindbild der Extremisten ist und bleibt der ganze Westen, auch wenn der Hass gegen den, wie man in Islamistenkreisen gerne sagt, „kleinen und großen Satan“, gegen Israel und die USA, am größten ist. Allerdings verfolgt Al Qaida mit den jüngsten Anschlägen eine gefährliche Strategie. Solange die Terroristen im Westen, in Fernost und Schwarzafrika bombten, genossen sie bei vielen Arabern Sympathien. Sie galten als islamische Robin Hoods, die es dem als übermächtig empfundenen Westen mal so richtig zeigen. Das wird sich wahrscheinlich ändern, wenn nun auch die Muslime in Nahost damit rechnen müssen, jederzeit Opfer eines Anschlags zu werden.

In Saudi-Arabien etwa beginnt jetzt erst die wirklich ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Phänomen des islamischen Terrors. Während man die Ideologie von Al Qaida vorher als aus Afghanistan importierte betrachtete, geraten nun die einheimischen Fanatiker in den Blick, die junge Männer in die Arme der Terroristen treiben und liberale Muslime mit dem Tod bedrohen. Und die arabischen Regime – auch die moderaten – werden sich nun verstärkt fragen müssen, ob es wirklich eine gute Idee war, den Unmut ihrer Bevölkerungen mithilfe staatlicher Propaganda auf den Westen umzulenken.

Eine ehrliche Auseinandersetzung der arabisch-muslimischen Welt mit den kulturellen und gesellschaftlichen Wurzeln des islamischen Terrors steht weiter aus. Jetzt kommt dieser Terror „nach Hause“. Eine gute Gelegenheit, ihn sich genauer anzusehen – und ernsthafter zu bekämpfen.

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